Teil eines Werkes 
6.-8. Bändchen (1853)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

210

jetzt, da ich mein Leben geben würde, um ihn auf⸗

zuheitern.

Im erſten Augenblick ſah ſie mit gereizter Stim⸗

mung um ſich her, als ſie das Haus betrat. Es hatte Alles daſſelbe Ausſehen; derſelbe Klang der großen Glocke; derſelbe unbeſchreibliche Geruch; derſelbe Ge⸗ fühlston, den ſie ſo gut kannte. Träumte ihr, ſie ſei

Gertrude Lifford, die nach Schloß Lifford zurückkehre?

oder waren die letzten Jahre ein langer Traum gewe⸗ ſen, zuſammengedrängt in die Secunde von Zeit zwi⸗ ſchen Schlafen und Wachen? Der alte Kellermeiſter trat auf ſie zu; ſie ergriff ſeine Hand, und jetzt waren

auf einen Augenblick alle Schleußen der Thränen ge⸗

öffnet. Sie ſtieß einen Schrei aus, doch bald gewann ſie ihre Ruhe wieder.Jetzt, ſagte ſie zu Edgar,

gjetzt raſch; laß mich zu ihm gehen, aber bleibe in der

Nähe für den Fall, daß er zu heftig aufgeregt würde.

Sie ging durch den engen Gang aus der Halle

hinaus und ſchritt auf die Thüre des Zimmers zu, worin er weilte, jenes Zimmer mit den Gemälden, dem Cruciſir und dem Ruhebette! Sie klopfte, dann trat ſie ein. Er blickte auf was ſie gethan hätte, wenn er nicht die Arme ausgebreitet und gerufen hätte: Gertrude! das wußte ſie nicht; aber ſo that er; ſo, und zum erſten Mal in ihrem Leben begegneten einan⸗ der die Lippen des Vaters und der Tochter in einer langen Umarmung.Gertrude, flüſterte er zitternd, ohne ſie loszulaſſen,Gertrude, ich verlangte nach Dir. Er ſtellte keine einzige Frage; er ſprach nicht von der Vergangenheit; vielleicht fühlte er ſich durch dieſe Umarmung hinlänglich erleichtert von ſeinen ſchlimmſten Befürchtungen. Er bewies ihr keine Zärt⸗ lichkeit; das lag nicht in ſeiner Natur; aber beide fühl⸗ ten, daß von nun an ſie der einzige mögliche Troſt für dieſen kalten, ſchweigenden Mann ſei, der ſeufzte, wenn ſie von ihm ging, ſie aber doch nicht bat, ſie möchte

bleiben. Er haßte den Gedanken an die Ehe, die ſte