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Mit einer eigenthümlichen Miſchung von Gefüh⸗ len empfing Oberſt Leslie ſein Kind und ihren Gatten. Er preßte Ginevra mit einer ſchmerzlichen Zärtlich⸗ keit und düſtern Gemüthsbewegung an ſein Herz. Er hatte ſie zu leidenſchaftlich geliebt, als daß er mit Ruhe auf die Vergangenheit zurückblicken konnte. Zwi⸗ ſchen ihm und Neville waren Briefe gewechſelt worden, Verzeihung war von der einen Seite mit unumwun⸗ dener Demuth begehrt und von der andern mit kalter Rückhaltung gewährt worden. Oberſt Leslie's Stirne verduſterte ſich und ſeine Stimme bebte, ſo oft er mit dem Gatten ſeiner Tochter ſprach. Es war ihm ſchwer zu verzeihen, unmöglich zu vergeſſen; aber ſein Kind war glücklich und ſie liebte ihren Gatten. Allmählig wurde es leichter zu verzeihen, aber noch immer konnte er nicht vergeſſen; die Wunde war zu tief, das Leiden zu neu geweſen. Erſt einige Zeit nachher, als Gi⸗ nevra ihn an einen Platz bei Darrell⸗Court führte, wo der erſte Stein zu einer katholiſchen Kapelle ge⸗ legt wurde und er die Inſchrift las: Als Denkzeichen einer ewigen Reue und einer ewigen Dankbarkeit,“ da ſänftigten ſich ſeine Gefühle gegen Edmund Neville. Hätte er in ſeinem Herzen leſen können, er würde da⸗ rin mehr Liebe und Leiden geſehen haben, als dieſer Denkſtein verzeichnen konnte. Margaret und Ginevra ſtanden noch einmal auf der ſteinernen Terraſſe von Schloß Grantley; ihre Augen waren auf einander ge⸗ heftet, ihre Hände waren feſt in einander gefügt, und von Zeit zu Zeit wurde ein langer, ſtummer Kuß von ihnen gewechſelt. Sie ſchauten auf die fernen Wälder von Darrell⸗Court, auf die Thürme von Heron Caſtle und dann wandten ſie ſich mit einem Seußzer oder einem Lächeln gegen einander, denn ihre Herzen waren zu voll, um zu ſprechen. Die Unruhen, die Trübſale, die Geheimniſſe ihres Lebens waren dahingegangen wie ein Mährchen, welches erzählt wird; ihr Loos ſchien auf fröhliche Plätze gefallen zu ſein und ihr


