———.—
197
und ſagte mit leiſer Stimme:„Jetzt verſtehe ich, warum Du und Charles mich ſo genau beobachteten. Schwe⸗ ſter, Schweſter, Du magſt mir verzeihen, aber ich kann mir ſelbſt nicht verzeihen.“
Er ließ ſeiner Schweſter Gerechtigkeit widerfahren. Keine gewöhnlichen Worte des Dankes kamen in die⸗ ſer oder einer andern Stunde über ſeine Lippen, aber in ſeinem Herzen lag etwas, das keine Sprache aus⸗ gedrückt haben würde, was ſich aber nichtsdeſtoweniger dem ihrigen mittheilte, wie wenn ſie im Stande ge⸗ weſen wären, einander in der Seele zu leſen. Ihre Uneigennützigkeit war vollſtändig; ſte verlangte keine Dankbarkeit und erwartete kein Lobꝛ aber ſie hatte ſchon auf Erden ihren Lohn in dem Bewußiſein, daß ſie nicht vergebens gelebt, daß ſie ihres Vaters An⸗ denken vor Vorwürfen und übeln Nachreden ge⸗ ſchützt, daß ſte ihres Bruders Frieden und Wohl⸗ fahrt ſicher geſtellt und ſeinen Ruf gewahrt hatte. Dies war neben der zärtlichen Zuneigung, die er ihr bezeigte, ihre irdiſche Belohnung, und im Himmel mochte ſie dereinſt den Segen zu empfangen hoffen, welcher Denjenigen verheißen iſt, die Frieden ſuchen und ihm nachjagen. Selig ſind die Friedfertigen, denn
ſie werden die Kinder Gottes heißen.“
Mit Dankbarkeit und Verwunderung vernahm Gi⸗ nivra den Schluß dieſer ereignißvollen Geſchichte, aber vor allen Dingen freute ſie ſich, daß Edmund ſie an ſein Herz gepreßt und ſein Weib genannt, bevor ſeine Schweſter ihm das in ihren Händen ruhende Geheim⸗ niß geoffenbart hatte. Er hatte dieſen Morgen Worte geſprochen, die in ihren Ohren wie holdſelige Muſik geklungen; Worte, koſtbarer als alle Codicille, Teſta⸗ mente und Zinsbücher in der Welt. Sie blieben im Heiligtbume ihres Herzens verwahrt und bildeten eine beſchwichtigende Zufluchtsſtätte für das Gedächtniß, wenn es durch die Erinnerung an die Vergangenheit allzuſchwer heimgeſucht wurde.


