Teil eines Werkes 
5.-7. Bändchen (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

verwelkt, ſondern durch einen plötzlichen und heftigen Ge⸗ witterſchlag vernichtet worden. Ein Ueberreſt kochte noch immer in ihr, obſchon der kalte Hauch der Vernichtung ſchnell ſein Werk verrichtete. Sie lebte noch immer in ihrem Herzen, denn ſie konnte ihr Abſterben fühlen, und ihre letzten Kämpfe bewieſen die Stärke ihres früheren Da⸗ ſeins. Es war ihr geheimnißvoll, feierlich, bei Gefahr ihres Seelenheils, bedeutet worden, nicht an ihn zu denken, und nichts hatte den Raum ausgefullt, welchen dieſer ein⸗ zige unaufhörliche Gedanke eingenommen. Jetzt hatte ſich ein überaus wichtiges und unſelbſtſüchtiges Intereſſe in ih⸗ rem Gemüthe geregt, ein Intereſſe, das mit ihm in Ver⸗ bindung ſtand und zu gleicher Zeit des ſänftigenden Cha⸗ rakters entkleidet war, welchen die Nachſicht ihrer eigenen Gefühle damit verbunden haben würde. Und auf ſolche Art traten dieſe zwei jungen Mädchen in dieſes„luſtige Le⸗ ben,“ das ihr väterliches Haus darbot; jedes mit einem ſchmerzenden Herzen, jedes ſich von dem andern fern hal⸗ tend, im Geiſte Hand in Hand gehend, einen feſten Vor⸗ ſatz vor Augen und mit einem tiefen, ſtets gegenwärtigen Intereſſe für einander. Maud Vincent mit all ihrer luchs⸗ äugigen Neugierde, Walter Sydney mit all ſeiner ſympa⸗ thetiſchen Einſicht, vermochten dieſes Räthſel nicht zu er⸗ rathen und das Geheimniß dieſer ſeltſamen Stellung nicht zu löſen. Eines Tags, als Ginevra neben dem Oberſten Leslie ſaß, der einen Operationsplan für irgend einen indiſchen Feldzug zeichnete, während Sir Charles D'Arcy, ein in der Nachbarſchaft einquartierter Offizier, hinter ihrem Stuhle ſtand und ihrem Vater zuſah, kam ein Diener und überreichte ihr einen Brief. Oberſt Leslie ſchaute auf und lächelte, als ſie ſeine Seite verließ:„Et⸗ was Charaden Betreffendes, meine Liebe,“ ſagte er gleich⸗ gültig. Sie läͤchelte ſtatt der Antwort und ſchüttelte den Kopf. Daß er niemals durch ſie leiden möchte, war das glühendſte ihrer Gebete geweſen, und ohne eine Wolke auf der Stirne ſchaute ſie ihn an, als er feßnen Arm um 82