Teil eines Werkes 
5.-7. Bändchen (1851)
Entstehung
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von ſeinen eigenen Illuſionen über ſich ſelbſt. Das Leben riß ihm jenen eingebildeten Charakter ab, womit er ſich ſo lange in ſeinen eigenen Augen geſchmückt, und der ihm ſo ſchmeichleriſche Selbſtgefälligkeit eingeflößt hatte. Fortan ſollte ſeine Bewunderung deſſen, was gut und groß iſt, nur noch ein Spottlied auf ſein eigenes Verhalten ſein. Die edlen Regungen, welche alle, ſelbſt die verhärtetſten Menſchen zuweilen empfinden, ſollten auf ſeine eigene Seele wie die machtloſen Anſtrengungen eines Träumen⸗ den zurückwirken, und Ginevra ſollte ihm nicht mehr wie ein helfender Engel an ſeiner Seite erſcheinen, ſondern wie ein Engel, der am Eingange des Paradieſes ſtand und ihm den Eintritt verwehrte. Nicht als ob er um dieſe Zeit einen feſten Plan gefaßt hätte, am Ende doch unter falſchen Vorwänden ſein Vermögen zu behalten, das jetzt rechtlich ſeiner Schweſter zukam. Er hatte ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl, daß, wenn Ginevra in dem nunmehr zu eröffnenden Kampfe zwiſchen ſeinen Leidenſchaften und Grundſatzen ſchließlich die Nachgiebigkeit verweigern ſollte, das Ganze übergeben werden müſſe; aber er klammerte ſich an dieſe Hoffnung mit einer Zähigkeit feſt, welche ihn für alle weitere Folgen blind und in Betreff aller künf⸗ tigen Verlegenheiten unbeſorgt machte. Selbſt unfahig die Natur oder Innigkeit ihrer religiöſen Ueberzeugung zu begreifen, betrachtete er die ganze Frage als eine Sache perſönlichen Einfluſſes, und er rechnete bald mit Froh⸗ locken, bald ſah er mit Beängſtigung auf die Stärke oder Schwäche ihrer Neigungen. Dieß fügte ſeiner bereits genug peinvollen Lage eine neue ſchmerzliche Quelle von Unruhe hinzu, denn er liebte ſein Weib leidenſchaftlich, und er überredete ſich, daß, wenn ſie ſeinen Bitten und Drohun⸗ gen ſchließlich widerſtehe, dieß ein Beweis von Herzens⸗ fälte oder Gleichgültigkeit gegen ihn wäre.

In dieſem Augenblick ſchreckte ihn ein tiefer Seufzer aus ſeiner Träumerei auf, und als er ſich umwandte, ſah er, daß ſeine Schweſter dicht neben ihm auf ſeinem Stuhle