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ſcheinlich zum proteſtantiſchen Glauben übergehen werde, wenn man ihr die Dringlichkeit des Falles vorſtelle und nur allmählig auf ſte einwirke. Edmunds Hoff⸗ nungen wurden durch dieſe Anſicht von der Sache neu belebt; er begann ſich des Gedankens zu erfreuen, daß Andere das Mittel der Ueberredung wirkſamer anwen⸗ den könnten, als er ſelbſt, während er den Wünſchen ſeiner Schweſter gemäß auf eine Weile nach Irland zurückkehrte. Aber als er am Abend dieſes Tags auf der Parkterraſſe mit Ginevra zuſammentraf und ſie allein beiſammen ſtanden, den dunkeln Winterhimmel über ihren Köpfen und die düſtere Zukunft auf ihren Herzen laſtend, da zerriß der Kampf zwiſchen Kummer und Leidenſchaft, zwiſchen Liebe und Zorn alle Bande. Ihr Geiſt erhob ſich in dieſer Stunde und das ge⸗ dämpfte Feuer, das ſo lange in ihrer Bruſt geklommen, brach, durch nächtliche Gebete und tägliche Kämpfe unterhalten, endlich los, und die Leidenſchaft ihrer italieniſchen Natur erſchütterte beinahe krampfhaft ihre gebrechliche Form. Während ſie in ihrer eigenen Sprache die Geſchichte des erlittenen Unrechts ausgoß und dabei ſelbſt erſchauderte, da tauchte ſie tief, tief in ihr eige⸗ nes und in ſein Herz, und ſchob mit ungeſtümen, über⸗ wältigenden Gründen die nichtigen Ausflüchte zur Seite, durch welche er ihr die Wahrheit vorzuenthalten ſuchte; ſie entrollte die Vergangenheit vor ſeinem erbebenden Blicke, und dann rief ſie, indem ſie ſeine Hand in der ihrigen hielt und mit der andern auf den Himmel deutete:
„Und wenn Du am Tage des letzten Gerichts da⸗ ſtehen wirſt, wie wirſt Du es vor Deinem Schöpfer verantworten, daß Du eine menſchliche Seele in Ver⸗ ſuchung geführt und zerſtört haſt?“ Nein, Edmund, nein,“ fuhr ſie fort, während ein Strom von Thränen auf ſeine Hand ſiel, welche ſie noch immer in der ihri⸗ gen gedrückt hielt;„nein, Du wirſt auf ein ſolches Verbrechen nichts zu antworten wiſſen. Der Tag wird


