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Schriftſteller*) hat geſagt, es gebe nicht immer Glau⸗ benspunkte, welche man nicht immer von Neuem über⸗ legen, ſondern zum täglichen Gebrauche und nicht zur kritiſchen Prüfung auf dem Tiſche müſſe liegen laſſen. Anna Neville's Anſichten waren genau von dieſer Art, und es ließ ſich keine Spalte erſchauen, durch welche ein neuer Eindruck in ihren wohlgeordneten, aber feſten Verſtand härte eingefügt werden fönnen. Daß Edmund mit ſeiner Schweſter hätte ſympathiſiren können, mag außerordentlich ſcheinen, aber wer hat nicht gefühlt, daß, wenn man durch die Kraft der Empfindungen oder die Lebhaftigkeit der Phantaſte viel gelitten hat, in dem ruhigen Rundgang täglicher Pflicht und praktiſcher Intereſſen, welchen ein wohlgeregeltes Leben darbietet, eine eigenthümliche Kraft der Beſchwichtigung liegt? Seine Liebe fur Ginevra war mit Erinnerungen heftiger Freude und leide ſchaftlicher Erregung verknüpft; ihre Religion war das Hinderniß, das zwiſchen ihm und dem Gluͤcke ſtand; ſie war ihm die Quelle ſchmerzlichen Elends und qualvoller Angſt für die Zukunft. Er war flarker Erregungen fähig, hatte aber keinen Geſchmack dafür, und er überredete ſich leicht, daß er gegen Gi⸗ nepra's religiöſen Glauben einen ſteigenden Wider⸗ willen empfinde, und nicht bloß gegen die Schwierig⸗ keiten, die ihm derſelbe in den Weg legte. In jeder Form einer ernſten Religion liegt ſo viel Vortreffliches und Anziehendes, und alte Gewohnheiten und Ver⸗ bindungen haben einen ſolchen Einfluß auf das menſch⸗ liche Herz und Gemüth, daß er, als er Anna mit Be⸗ wunderung und Theilnahme anſchaute, einen feurigen Wunſch empfand, der ſich bald zu einer feſten Ueber⸗ zeugung ggerte, ſeine Gattin moͤchte veranlaßt werden können, die Anſichten ihrer Schwägerin anzunehmen und zu ihrer Religion überzutreten. Er konnte nicht ohne Aerger an die Möglichkeit denken, den Beſitz dieſer Erbgüter, die ihm jetzt werthvoller erſchienen,
*) Jacob Abbot.


