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an ſeine Stelle getreten. Ein bisher nicht hervorge⸗ tretener Sinn für Malerei und Poeſie, für die künſt⸗ leriſche und imaginative Seite des Lebens ſetzte ſich in Leslie's Phantaſte immer feſter, je weiter er in Italien kam. Der Einfluß ſeines leuchtenden Himmels— die Zaubermacht ſeiner Naturſchönheiten— die Erinnerun⸗ gen an die Vergangenheit— ſein entſchwundener Ruhm
und ſein lebendiger Reiz— wirkten immer gewaltiger auf ſeine Seele, und nach einiger Zeit war der gemüths⸗ ruhige, engliſche Landedelmann in einen leidenſchaft⸗ lichen Bewunderer dieſes ſeliſamen Landes umgewan⸗ delt, deſſen Name ſchon ein Zauber iſt, deſſen Mängel ſogar Reize find, wo das Leiden poetiſch, die Armuth pittoresk iſt; wo das Leben einem Traume gleicht— wo die Vergangenheit beinahe greifbarer iſt, als die Gegenwart,— wo eine ewige Lebenskraft aus dem Buſen beſtändigen Verfalls hervorquillt, gleich reinen Blumen, die auf der Oberfläche eines dunkeln ſtagni⸗ renden Pfuhles ſchwimmen; wo das Leben in ſeinen glänzendſten und blühendſten Farben, der Tod in ſeiner poetiſchſten und verſöhnendſten Geſtalt jeden Augenblick einander begegnen. Mit ſeinem wollenloſen Himmel und ſeinen ebbeloſen Seen— dem unwandelbaren Grau ſeiner Olivenhaine— den glänzenden Farben ſeiner Berge und ſeiner Ströme— der feierlichen Stille ſeiner Cypreſſenwälder— dem lärmenden Gedränge ſeiner luſtigen Bevölkerung— mit ſeinen prächtigen Kirchen und ihren Myriaden von lebendigen Anbetern — mit ſeinen rieſtgen Gräbern und ihrer zahlloſen Menge unbekannter Bewohner, iſt Italien zu gleicher Zeit und vorzugsweiſe das Land der Lebendigen und das Land der Todten. Dieß fühlte Leslie; er ſuchte keine Geſellſchaft— er betheiligte ſich nicht bei lär⸗ menden Vergnügungen— er ließ ſeine Stunden und ſeine Tage ihren natürlichen Lauf nehmen— er ſchwamm den Strom des Lebens hinab, während Natur und Kunſt Gebilde der Schönheit und zauberreiche Scenen
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