Teil eines Werkes 
1.-4. Bändchen (1851)
Entstehung
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Lohn nicht vorn hinwegnehmen. Die Tugenden der Armen!... ihre zahlloſen Prüfungen!... ihre geduldi⸗ Mühſale!... ihre erhabenen, weil unbekannten und unbelohnten Opfer! Die Geſchichte verzeichnet ſie nicht. Die Menge jubelt ihnen keinen Beifall zu. Die Voll⸗ bringer ſolcher Thaten machen ihre mühſame Reiſe durch das Leben und ſteigen in ihre Gräber hinab un⸗ gekannt, unbeachtet, obſchon vielleicht nicht unbeweint von einigen Duldern, die eben ſo glanzlos ſind wie ſie ſelbſt; aber eine Krone wartet ihrer dort, wo viele Erſten werden die Letzten, und viele Letzten die Erſten werden. Armſelige Geſchöpfe, welche, nachdem ſie den ganzen Tag mit ſchmerzenden Köpfen oder einem ſtillen

Fieber, das ſie verzehrt, gearbeitet haben, bei Nacht

herauskriechen, um einen Nachbar, der noch elender iſt, als ſie ſelbſt, abzuwarten und einen Theil des eigenen, ärmlichen Mahles zu überbringen. Mütter, die ſich den ganzen Tag abquälen und bei Nacht kränkliche, elende Kinder ernähren. Männer, die mit dem qual⸗ vollen Huſten der Auszehrung und der tödilichen Mat⸗ tigkeit der Krankheit ſich anſtrengen, ringen und ſchaf⸗ fen, bis das Leben von ihnen weicht. Eltern, deren Kinder um Brod ſchreien, während ſie ihnen keins zu geben haben. Weſen, welche von allen Seiten in Ver⸗ ſuchung geführt, durch Hunger zum Laſter verleitet, durch Köder aller Art zum Verbrechen gelockt werden; die aber dennoch widerſtehen, die nicht tödten, die nicht ſtehlen, die nicht den Lohn des Laſters anneh⸗ men, die nicht fluchen und ſchmähen, und die, wenn ſte ſich nicht gelüſten laſſen, wirklich zu Denjenigen gehören, deren die Welt nicht werth iſt. Und wir wir, die wir ſo große Nachſicht gegen uns ſelbſt üben wir, die wahren Sklaven der Ueppigkeit und Behag⸗ lichkeit, wir, die wir kaum ein Zahnweh oder eine ſchlafloſe Nacht ertragen können, wir gehen unter den Armen umher, und wenn ſie das wirklich ſind, was zu ſein einen weit höhern Grad von Tugend erfordert, als

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