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Seelen, welche auf den niedrigen Pfaden des Lebens in klagloſer Betrübniß herbe Prüfungen überſtehen, ohne einen ander Zeugen als jenen Golt,„welcher dem Ringen des einſamen Herzens die Kraft ſeines mitter⸗ nächtigen Todeskampfes mittheilt. Er lehrte ſie, daß die im Geheimen geübte Selbſtverläugnung und die Leiden, welche im Stillen um des Gewiſſens willen erduldet werden, nicht weniger die Palme des Mär⸗ tyrerthums verdienen, als der Muth, der einen Mann auf das Schaffot oder an den Märtyrerpfahl führe. Er beleuchtete ſeine Anſicht durch verſchiedene Beiſpiele; er lenkte ihre Aufmerkſamkeit auf jene heroiſchen Thaten, welche zuweilen von den Armen mit ſo erhabener Ein⸗ fachheit, ſo unbewußter Seelengröße vollbracht werden. Zum Beiſpiel er gab ihr die Anekdote von der edlen Antwort Ludwigs XIII. von Frankreich zu leſen, als er in Gegenwart eines Beifall jubelnden Hofes das Dik⸗ tum erließ, das einer bewundernden Nachwelt überlie⸗ fert worden iſt:„Es ſteht dem König von Frankreich nicht zu, die Beleidigungen zu rächen, welch der Herzog von Orleans erlitten hat;“ und er ließ ſie dieß mit den polizeilichen Berichten über einen in den Zeitungen mitgetheilten obſeuren Prozeß vergleichen, bei welchem ein armer Köhler, der auf rohe Weiſe mißhandelt und verunſtaltet worden, für ſeinen brutalen Gegner alle Beſtrafung abbat und jeden Schadenerſatz ablehnte, in⸗ dem er einfach erklärte, der Mann habe Weib und Kinder, er könne das Geld nicht wohl entbehren, und er würde es als eine große Vergünſtigung anſehen, wenn das Gericht über die Sache hinwegginge; und nun fragte er ſeine Schülerin, ob die That des Monar⸗ chen nicht zu denjenigen gehöre, welche in Wirklichkeit ſchon auf Erden ihren Lohn finden, die That des Köh⸗ lers aber zu denjenigen, die als Schätze im Himmel aufbewahrt werden— dort, wo der Roſt des menſch⸗ lichen Beifalls ſie nicht trübe und die Motten menſch⸗
licher Eitelkeit ihre Verdienſte nicht benagen und ihren


