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Dir Lebewohl zu ſagen. Mir war, als brenne das Kainszeichen auf meiner Stirn, als bringe jede Be⸗ rührung meiner Hand dem edlen Freunde Unheil. Von Seraphinen zurückkehrend hatte ich einen Brief gefunden, der mir über Angelika's Schickſal die traurigſten Mittheilungen machte. Ihr Tyrann von einem Gatten weigert ihr die geſetzliche Scheidung, und die Unglückliche— im Begriff Mutter zu wer⸗ den— ſoll der Verzweiflung nahe ſein. Sie iſt eines jenen Weſen, die zur Tugend geboren, und durch eine unſelige Prädeſtination vielleicht be⸗ ſtimmt ſind, unter dem Drucke der Schuld dahin zu leben. Mein alter Zweifel— ob dieß nicht auch mein Fall— regt ſich wieder ſtärker und peinli⸗ cher, denn je. Vielleicht wäre es beſſer, ich ſtellte meinen Willen, von dem ich doch einen ſo üblen Gebrauch gemacht, unter fremde Obhut. Genug, ich verlaſſe dieſe Stadt, in der ich durch ein einfaches, kaum beachtetes Bürgermädchen eine ſo ſchmachvolle Demüthigung erlitten, für immer. Ich will die einzige gute, kraftvolle That vollbrin⸗ gen— ich will der armen Angelika zu ihrem Rechte verhelfen. Weißgich gdoch nun aus Erfahrung, wie tief erlittene Beſchimpfung in unſer innerſtes Sein


