Teil eines Werkes 
3. Bd. (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

308

Draußen war finſtere Nacht, durch die dicke Luft rieſelte ein kalter Sprühregen, und die Haut der Fußgänger ſchauerte unter den dichten Herbſtkleidern. Itzig ſprang die Treppe hinab. Er hörte noch auf den Stufen eine bebende Stimme: Die Polizei iſt in der Wohnung, ſie ſtehen im Hofe, ſie lauern auf der Treppe, ſie brechen die Stubenthür auf. Dann hörte er, nichts mehr, eine furchtbare Angſt überſchüt⸗ tete ſeine Seele. Mit raſender Schnelligkeit fuhren die Ge⸗ danken durch ſein Haupt. Flucht, Flucht, ſchrie Alles in ihm. Er fühlte nach ſeiner Taſche, worin er ſeit der letzten Woche einen Theil ſeines Vermögens herumtrug. Er dachte an die Züge der Eiſenbahn, es war nicht die Stunde, wo ein Zug abging, der ihn zum Meere führen konnte. Und auf allen Bahnhöfen fand er Verfolger, die auf ihn lauer⸗ ten. So rannte er hinein in die Nacht durch enge Gaſ⸗ ſen in entlegene Stadttheile. Wo eine Laterne brannte, fuhr er zurück. Immer flüchtiger wurde ſein Gang, immer verworrener der Zug ſeiner Gedanken. Endlich verließ ihn die Kraft, er kauerte in eine Ecke und preßte die Hände an ſeinen Kopf, um die Gedanken zuſammenzuhalten. Da hörte er das dumpfe Horn des Wächters in ſeiner Nähe, wenige Schritte von ihm ſtand der Mann, und ſeine Helle⸗ barde klapperte an den Schlüſſeln, die er am Gürtel trug. Tief zur Erde beugte ſich der Flüchtige, die Angſt ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen, daß er ſtöhnte, obgleich es ſein Leben galt. Auch hier war die Gefahr. Wieder ſtürzte er zwiſchen den Häuſerreihen vorwärts auf den einzigen Ort zu, der noch deutlich vor ſeiner Seele ſtand, vor dem er ſich graute, wie vor dem Tode, und zu dem es ihn doch hinzog,