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* Sie ſind Alle gegangen zu einer großen Soirée, und ich bin allein geblieben in meiner Stube.— Und ich habe geſeſſen an ſeinem Bett. Wo iſt der Bernhard, daß er nicht kommt zu ſeinem alten Vater?“ Die Anweſenden, welche den Lehn⸗ ſtuhl umringt hatten, traten verlegen zurück, und die Haus⸗ frau ſchrie dem Alten wieder ins Ohr:„Bernhard iſt ver⸗ reiſt, aber deine Tochter Roſalie iſt hier.“ „Verreiſt iſt er?“ frug der Alte traurig,„wohin kann 'er doch ſein verreiſt? Ich habe ihm wollen kaufen ein Pferd, daß er kann darauf reiten, ich habe ihm wollen kaufen ein Gut, damit er ſoll leben als ein anſtändiger Menſch, was er immer iſt geweſen. Ich weiß,“ rief er,„als ich ihn habe geſehen das letzte Mal, iſt er geweſen auf einem Bett. Auf dem Bett hat er gelegen, und er hat ſeine Hand erhoben und hat ſie geſchüttelt gegen ſeinen Vater.“ Er ſank in den Stuhl zurück und wimmerte leiſe.
.„Komm her, Roſalie,“ rief die Mutter, geängſtigt durch dieſe Phantaſie des Schwachſinnigen.„Wenn dich der Va⸗ ter ſteht, mein Kind, kommt er auf andere Gedanken.“ Die Tochter trat heran und kniete, ihr Taſchentuch unterbreitend, vor dem Stuhl des Vaters.„Kennſt du mich Vater?“ rief ſte.
„Ich kenne dich,“ ſprach der Alte,„du biſt ein Weib. Was braucht ein Weib zu liegen auf der Erde? Gebt mir meinen Gebetmantel und ſprecht die Gebete. Ich will knieen
4 an deiner Stelle und beten, denn es iſt gekommen eine lange
Nacht. Aber wenn ſie wird vorüber ſein, dann werden wir
anzünden die Lichter und werden eſſen. Dann wird es Zeit
ſein, daß wir die bunten Kleider anziehen.— Was trägſt dlud
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