Teil eines Werkes 
1. Bd. (1855)
Entstehung
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Kleid floß jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herun⸗ ter, aus dem entſchloſſenen Geſicht ſtarrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock des Kindes wieder ſichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt und 6 zte ſich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel or ihrem Haupt, in langen Stößen ſchwamm ſie auf das Kind zu. Sie faßte den Rock, noch zweimal griff ſte mit der freien Hand aus und hatte den Kahn erreicht. Sie hielt ſich dann feſt, ſte ſpannte alle Kraft an, das Kind hineinzuheben, ſie faßte die Kette des Kahns und zog ihn hinter ſich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anſtren⸗ gung zugeſehen hatte, kämpfte ſich an das Ufer zurück, er reichte ihr die Hand und zog den Kahn ans Land. Lenore ergriff das bewußtloſe Kind, Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten Beide zu der nahen Gärtner⸗ wohnung, der Knabe lief mit gellendem Geſchrei hinter ihnen her. Das naſſe Gewand legte ſich dicht an Lenorens Leib, die ſchönen Formen des Körpers wurden in der raſchen Bewe⸗ gung dem Auge ihres Begleiters faſt unverhüllt ſichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard drang mit ihr in die Stube des Gärtners, aber Lenore trieb ihn haſtig wieder hinaus. Mit Hilfe der erſchrockenen Gärtnersfrau entklei⸗ ddeete ſie das Kind und ſuchte das bewußtloſe durch Reiben ins Leben zurückzubringen. Unterdeß lehnte Bernhard drau⸗ ßen vor der Thür vor Kälte klappernd und in einer Aufre⸗ gung, welche ſeine Augen glühen machte wie Kohlen.Lebt das Kind? rief er durch die Thür. Es lebt, rief Lenore vom Bett zurück.

Gelobt ſei Gott! rief Bernhard und ſchlug die Hände