Teil eines Werkes 
1. Bd. (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—“ 42—

Menſchen ähnlich zu ſehen, von denen ſie ſich durch einzelne charakteriſtiſche Eigenheiten, durch merkwürdig kleine Lip⸗ pen, und zuweilen durch ein auf der Stirn oder dem Backen ſitzendes Auge unterſcheiden, ſo wurde der jungen Dame nicht ſchwer, zahlreiche Aehnlichkeiten mit Bekannten des Hauſes aufzufinden und die Bilder danach zu behandeln. Die Mutter lächelte über die kindiſchen Scherze der Tochter und ſagte endlich, ihre Gedanken laut fortſetzend:„Lenore, du wirſt jetzt ein erwachſenes Mädchen und biſt noch ſo ſehr Kind. Wir haben dich aufwachſen laſſen bei dem Unterricht der Bonne und des Candidaten; es wird Zeit, daran zu denken, daß du etwas Ordentliches lernſt, mein armes Kind.“ „ Ich dachte, das Lernen ſollte jetzt aufhören,“ antwor⸗ tete Lenore ſchmollend.

„Deine franzöſiſche Ausſprache iſt noch ſchlecht, und dein Vater will, daß du dich im Zeichnen übſt, du haſt

Anlage dazu.“

„Ich zeichne nur Karrikaturen,“ rief Lenore,„die ſind am leichteſten, man macht eine lange Naſe oder kurze Beine, 4 und das Kerlchen ſieht lächerlich aus.“

„Du ſollſt nicht Karrikaturen zeichnen,“ ſprach die Mut⸗ ter,„das verdirbt deinen Geſchmack und macht dich ſpöt⸗

tiſch.“ Lenore ließ das Köpfchen hängen.„Und wer war

der junge Mann, mit dem du vorhin durch den Garten

gingſt?“ fuhr die Mutter ſtrafend fort.„Du haſt ihm die

Erdbeeren des Vaters gegeben.“

„Schilt nur nicht immer, liebe Mutter,“ rief die Tochter erröthend.„Der Fremde war ein hübſcher artiger Junge, er geht nach der Hauptſtadt, er hat weder Vater noch Mut⸗