— 22—
habe. Dem Doctor aber war dieſe Möglichkeit gar nicht eingefallen, und ihm war ſo unbehaglich zu Muthe, daß er ſich ebenfalls leiſe aber ernſthaft gegen die Zumu⸗
thung auflehnte. Und Laura hörte wieder mit tiefer
Verachtung den Kampf der beiden Herren um eine Stilübung, die noch dazu nicht einmal ſchriftlich war. Auch der Hausherr wurde aufmerkſam und über die Geſellſchaft kam eine gewiſſe peinliche Erwartung, welche in der Regel nicht die Wirkung hat, widerwilligen Tiſchrednern ihre Geiſteskräfte zu beflügeln, ſondern vielmehr zu banger Gedankenloſigkeit herabzudrücken. Eben war der Doctor im Begriff, doch ſeine Pflicht zu thun, als Laura ihm noch einen kalten Blick gönnte, dann aufſtand und an das Glas ſchlug. Ein lautes Bravo begrüßte ſie und ſie ſprach zu ihrem eigenen Erſtaunen und zur Freude aller Anweſenden:„Da die Herren Pathen ihrer Pflicht ſo wenig eingedenk ſind, ſe bitte ich um Verzeihung, daß ich unternehme, was ſie hätten thun ſollen.“ Und darauf brachte ſie tapfer ein Hoch aus. Es war ein ſehr gewagtes Un⸗ ternehmen, aber es war gelungen und ſie wurde mit Beifall überſchüttet. Auf den Doctor dagegen richteten ſich jetzt die Stachelreden ſämmtlicher Herren. Es iſt wahr, er zog ſich noch erträglich heraus, denn die ver⸗ zweifelte Lage gab ihm ſeine Kraft wieder, ja er hatte die Unverſchämtheit, zu erklären, daß er abſichtlich ge⸗ zögert, um der Geſellſchaft die Freude zu bereiten, welche Allen durch die Beredtſamkeit ſeiner Nachbarin gewor⸗


