Teil eines Werkes 
3. Abtheilung (1874) Die Brüder vom deutschen Hause / von Gustav Freitag
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 46—

m durch ein Gelübde verboten, euch, edle Zuſehen,“ erklärte der Landgraf,„dennoch gönnt Id, denn allen Frauen gereicht zum Ruhme, Einer in Züchten dient.“ agen wir zuweilen,“ antwortete die klang⸗ mne der Hedwig,„doch wir denken nur ſo, ven Ritterdienſt einer andern lieber gönnen elbſt. Verlangt ihr ſolche kalte Huld für euren 8 wird ſie gern gewährt.“

„Ihr verſteht zu demüthigen, indem ihr Gnade ¹ verſetzte Jvo ſtolz.

„Verzeiht, Herr, wie kann ein Gaſt gefallen, der uns nicht geſtattet zu prüfen, ob ſein Blick treuherzig oder falſch iſt?“ entgegnete die Fremde, und ſich zum Land⸗ grafen wendend, rief ſie:„Seht, Herr Ludwig, gerade über euch ſchwebt ein Reiher, iſt Niemand da, der eurem Edelfalken die Kappe löſt?“ Alle ſahen nach der Höhe, doch Jvo widerſtand der neckenden Verſuchung.„Nichts für ungut, Vetter,“ fuhr die Dame lachend fort,„es war nur eine Probe für euren Gaſt.“

„Da er die Probe beſtanden hat, Baſe Hedwig, ſollt ihr die Buße zahlen. Ich bitte euch, legt den Schleier ab, der euch Stirn und Kinn verhüllt, und laßt meine Helden euer Angeſicht ſchauen. Iſt auch in eurer Heimath die Sitte ſtrenger, wir in Thüringen ſind ge⸗ wöhnt beim Feſte das Antlitz ſchöner Frauen zu betrachten. Geſtattet unſerer Sonne, daß ſie euch die weiße Haut bräune.“ Die Verhüllte berührte ſchmeichelnd die Wange der

4 3