Teil eines Werkes 
4. Bd. (1860)
Entstehung
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ſein, wenn ſie am Abend in den Flecken trat, und ſie war eine Fremde in dem Heimathort und auf dem ſtattlichen Hofe, der ihres Vaters Stolz und Freude war? wie würde es ihr ſein, wenn ſie eine Fremde geworden war auch in Philipp's Herzen, und eine Andere ſaß neben ihm unter der Linde und fröhliche Kinder, ſeine Kinder, ſpielten am Bach, wie einſt ſie ſelbſt, vor langer, langer Zeit! Das Bild wollte gar nicht weichen vor ihren Augen, und obgleich ſie ſich's Jahrelang ausgemalt hatte in Gedanken, nun ſie es ſehen ſollte in Wirk⸗ lichkeit, zitterte ſie doch.. Aber ſie mußte nach ſo Vielem auch dieſe Schwäche über⸗ winden; ſie nahm dankbaren Abſchied von Allen, die ihr Wohl⸗ wollen und Mitleid bewieſen und wandte ſich mit ſchwerem Her⸗ zen zum Gehen. Es war noch früh, es mochte kaum acht Uhr ſein, als Margarethe aus dem Zuchthauſe hintrat auf die etwas einſame Straße, an deren Ende das Gebäude lag. Ein prächtiger Sommermorgen ſchmückte ſelbſt die ſchmale Gaſſe mit den hohen Häuſern mit Glanz und Duft, und blühende Flieder⸗ büſche, die die gegenüberliegende Gartenmauer überſchatteten, führten Margarethens ſehnſüchtigem Blick einen ganzen Frühling zurück. Als aber nun die ſchweren Pforten des Zuchthauſes hinter ihr ins Schloß fielen, da fühlte ſie erſt, wie verlaſſen ſie war, da hätte ſie zurückfliehen mögen an den dunklen traurigen Ort, der ſie lange geborgen, denn wohin, wohin in dieſer wei ten, lachenden Gotteswelt! Sie bedeckte die Augen mit den ternden Händen, das Weh zu verbergen, das die Frühlingsp. in ihr armes zertretenes Herz goß, ſie ſtand wie gebannt an die⸗ ſer Stelle, es war ihr, als ob eine mitleidige Seele ihr zurufen würde: Kehr zurück, wo es zwar nicht Liebe und Frende, aber Vergeſſen Deiner Schande giebt. Und wirklich, ein zitternder Arm umſchlang ſie, eine rauhe; harte Hand, deren Druck aber warm und iiebevoll war, zog die ihrige herab und Philipp's bleiches, treues Geſicht ſchaute ſie an. S Da bin ich, Margarethe, ich habe hier gewartet auf Dich, damit Du gleich eine Seele fändeſt, die zu Dir gehört, ſagte er