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und durfte unter dem Schutze deſſelben neben Philipp leben. Jetzt aber, wo die Schande ſie öffentlich gebrandmarkt hatte, war es ihr, als ob es ſchon Sünde ſei, nur an ihn zu denken und anfangs mit zuckendem Herzen, dann ruhiger und ruhiger, bat ſie Gott, er möge dem Philipp ein braves Weib geben, das ſein einſames Daſein theile und Freude und Leben auf den ſtillen Hof bringe.
Sie hatte ſelbſt im Zuchthauſe die Liebe ſich zu erwerben gewußt, die man ihr in der Heimath geſchenkt, ehe die Menſchen wußten, daß eine Schuld ihre Vergangenheit befleckte. Ihr ſtilles, freundliches Weſen, ihr Fleiß und pünktlicher Gehorſam erwarben ihr das Wohlwollen ihrer Vorgeſetzten, ihre Sanftmuth und Ge⸗ duld, mit der ſie die Spöttereien und Rohheiten ihrer Gefährtin⸗ nen ertrug, gewannen ihr ſelbſt hier und da ein Herz aus dieſer verderbten, geſunkenen Menge. Schon nach Jahresfriſt wurde ſie mit Berückſichtigung ihrer tadelloſen Aufführung zu beſſeren Arbeiten, wie in Küche und Haus, verwandt und man verſchaffte ihr jede Erleichterung, die das Geſetz nur eben geſtattete. Den⸗ noch ſchwanden ihre Tage traurig dahin, im ewigen Einerlei, ohne Wechſel von Freud und Leid und nur eine Kunde drang zu ihr, die gewaltſam noch einmal alle Tiefen ihres Herzens aufwühlte und längſt vergangene Tage wach rief mit ihren Stürmen und Schmerzen. Der Geiſtliche des Zuchthauſes, der ihre Geſchichte kannte und ein lebendiges Intereſſe an ihr nahm, berichtete ihr nach Jahr und Tag, daß Franz, nachdem er ver⸗ ſchiedene kleinere Diebſtähle in Arbeits⸗ und Correctionshäuſern gebüßt, ſeinen Tod durch einen Sturz vom Seile, aus ſchwi delnder Höhe herab, gefunden habe. Bei näherer Unterſuchung fand ſich das Seil durchſchnitten und man vermuthete den Thä⸗ ter in dem Bajazzo der Geſellſchaft, der mit der häßlichen, altern⸗
den Tochter des Directors verſprochen geweſen war und dem in
Franz ein begünſtigter Nebenbuhler erwuchs, als ſich bei dem plötzlichen Tode des Directors einiges Vermögen vorfand. Margarethe weinte heiße, ſchmerzliche Thränen; ſie büßte ja willig ſeine Schuld mit der zhugen aber ſie hatte immer ge⸗ hofft, dies Opfer eines ganzen Lebens würde Franz erlöſen aus


