Hundertachtzehnter Brief.
Die Obriſt von Lichtfeld an ihre Schweſter.
Aus der Reſidenz, im Juni 18*4.
O, meine Schweſter, ich bin gerächt an der hoch⸗ müthigen Bören! Sie iſt gedemüthiget, ſo tief gedemüthiget, daß ſie das kühne Haupt nie mehr ſtolz erheben kann. Wie ſie im Gefühle ihres Sig⸗ ges auf mich, die Verlaſſene, herabſah! Jetzt iſt die Reihe des Herabſehens an mir,— doch nein, ich will nicht triumphiren, ſie werde von audern gezüchtiget, nicht von mir!— Mein Gefühl em⸗ pört ſich, ſo oft ich ſie ſehe! Sie hat die Tugend — die Sitte verrathen,— ich ſelbſt habe ſie, als kaum der Tag graute, aus dem Hauſe des Ritt⸗ meiſters heraustreten ſehen. Erſt wollte ich den Vorfall verſchweigen, weil es mir der Würde ei⸗ nes Weibes zuwider ſchien, eines Affronts zu ge⸗ denken, der einen entehrenden Schatten auf das


