Man führte uns durch das Thor der Burg, und ſchloß, wie es hier gebräuchlich iſt, hinter uns
ab, um dem Eindringen fremden Geſindels zu weh⸗
ren. Ein junger Mann war mit uns zugleich ein⸗ getreten, und folgte uns durch die zerfallenen Ge— mächer und Gänge, bis zu der Mauer, die durch
den Uebermuth der ſtolzen Kunigunde berühmt iſt.
Die Sage wird Ihnen wohl bekannt ſein, die
uns erzählt, wie dieſes Edelfräulein einen fürchter⸗ lichen Schwur gethan, ſich nie zu vermählen, bis einer ihrer ritterlichen Bewerber zum Beweis ſei⸗ nes Muthes und ſeiner Liebe, die Ringmauer, an deren Fuß ein fürchterlicher Abgrund gähnt, umrit⸗ ten, und durch dieſe That ſich das Recht auf ihre Hand erworben habe. Viele der edeln Ritter ver⸗ ſuchten, von ihrer Schönheit verblendet, das gefähr⸗ liche Wagſtück, und fanden ihren Tod in der Fel⸗ ſenſchlucht. Endlich erſchien ein junger ſtattlicher Held, ausgezeichnet durch königliche Schönheit und hohe ritterliche Würde. Zum erſtenmal fühlte Ku⸗ nigunde ihr Herz von ſanften Gefühlen bewegt.
Gerne hätte ſie ihren Schwur zurückgenommen, um das Leben des Geliebten zu retten. Aber der Rit⸗ ter beſtand auf dem alten Brauch, und betrat, von Kunigundens ängſtlichen Blicken verfolgt, den ſchma⸗ len Todesweg. Und, o Wunder, höhere Mächte ſchienen über ihn ihre Hand auszubreiten, er voll⸗


