— 216— Die goldene Spindel. — Sage,
In einer reizenden Gegend am Fuße des Rie⸗ ſengebirges lag ein kleines friedliches Dörfchen, dort wohnte in ſtiller Eingezogenheit eine arme Wittwe mit ihrem einzigen Töchterlein, Dorilla genannt. Es war aber dieſe ein gar gutes und holdes Kind, und von allen Menſchen geliebt, wegen ihres ſanf⸗ ten Gemüths und frommen Fleißes; denn ſie ſäum⸗ te nicht, bei früheſtem Morgen an ihr Tagewerk zu gehen, und zu arbeiten bis die Sonne ſank, und das mit Luſt und Freude, that ſie es doch für die liebe Mutter, die ſehr arm war, und krank, ſo daß ſie nichts mehr verdienen konnte.
Ihr einziges Hoffen war daher auf Dorilla⸗ gerichtet, mit dem feſten Glauben, der Himmel werde ſie gewiß ſegnen, durch der Tochter fleißige Hand. Nun that wohl das gute Kind, was in ihren Kräften ſtand, aber wie emſig ſie ſpann, wie fein ſie auch das Fädchen drehte, ſo langte es doch kaum hin zu dem Allernothdürftigſten. Das ging der kleinen Dorilla ſehr zu Herzen, und oft ſann ſie ſtill und betrübt am ſchnurrenden Rädchen auf klugen Rath, aber immer vergebens, denn au⸗ ßer dem Hauſe durfte ſie ſich keine Arbeit ſuchen,


