18
Entſchloſſen trat ſie zwei Schritte zurück. Dann erwachte die Neugierde wieder; ſie bog ſich vorwärts und ſah den Umſchlag mit großen Augen an, ſtets zur Flucht bereit.
Während dieſes innern Kampfes blickte ſie unwill⸗
kürlich nach dem Bett des Bruders ſich um. Gaſton
lächelte im Traume, hold und mild, wie ein unſchul⸗
diges Kind. Muthig ergriff ſie den Brief, aber ebenſo
ſchnell ließ ſie ihn wieder fallen. Im Fallen ſchlug er aus einander, ein Zeichen, daß er nicht verſtegelt war.
Nochmals ergriff ſie ihn, mit zitternder Hand, denn ihr Gewiſſen ſtrafte ſie, und nochmals ließ ſie ihn los.
Endlich zum dritten Male gelang das Wageſtück. Sie barg den Brief am Buſen und entfloh.
Sie ſchloß die Thüre, ſtellte die Kerze auf den Ar⸗ beitstiſch und fing an zu leſen.
Gleich nach den erſten Zeilen ſtrömten die Thränen auf's Papier. Vor Weinen gingen ihr die Augen über, ſo daß ſie nicht weiter leſen konnte.
Halb unmächtig ſank ſie aufs Bett und begrub die glühende Stirne in den Händen.
Keine Klage, kein Gebet quoll über ihre Lippen..
Der Brief Gaſton's an Sancta lautete:
„Liebe Schweſter, Gott hatte Dich mir anvertraut, Du hatteſt keinen der Dich liebte und beſchützte, außer mir.. Oh, verzeihe mir, wenn ich Dich allein laſſe, mein armer Engel! Die Bürde, die wir gemeinſchaftlich trugen, wirſt Du hinſort allein tragen müſſen...
„Ja, verzeihe mir, Schweſter; Die wenigen Tage meines Lebens gehörten Dir ausſchließlich. Gewiß, bin ich ſchuldig, daß ich vor der Zeit von Dir ſcheide.
Aber das Schickſal, das mächtiger iſt, als ich bin, ruft mich von Dir. Eine gebieteriſche Pflicht, die Chre un⸗ ſeres Namens, reißt mich aus Deinen Armen.
„Oh, ich ſollte widerſtehen! Unſer Geſchlecht iſt ſo tief gebeugt, daß der Stolz des Enkels zur Thorheit wird.


