Teil eines Werkes 
1.-3. Bdchn (1846)
Entstehung
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unverſöhnlichen Richter fürchtet. Dieß Alles hatte ſich jetzt zu totalſter Kälte und Gleichgültigkeit verftüchtigt.

Inzwiſchen war in der Loge der Frau von Va⸗ rannes Alles Ohr, denn Nourrit hatte ſo eben die Bühne betreten.

Frau Diana von Baulnes, ein ſchönes Weib, doch ohne die geiſtreiche Anmuth der Vicomteſſe, ihrer Schwe⸗ ſter, that, als ſehe ſie auf die Bühne, während ſie unter dem Opernglaſe durch den Marquis in's Auge faßte, nicht ſeiner Schönheit wegen oder weil ſie ihn liebte, nein! weil ihre ältere Schweſter erröthete, ſo oft ihr der Marquis heimlich ein Wort zuflüſterte.

Die achtzehnjährige Diana, ſeit wenigen Tagen erſt vermählt, war ſehr unterrichtet, ſehr fromm, ſehr ge⸗ müthlos, ſehr mittelmäßigen Geiſtes, dabei von blühen⸗ der Geſichtsfarbe, herrlichen blonden Haaren, ſchönen Zügen und untadelhaftem Wuchſe. Ihre Erziehung ließ Nichts zu wünſchen übrig, auch fehlte es ihr nicht an ziemlich wichtiger Urtheilsgabe. Hätte ſie bei dem Allem, namentlich bei ihren ausgebreiteten Kenntniſſen, mehr Geiſt gehabt, ſo wäre ſie vielleicht vollkommen geweſen.

Eine ſolche Natur, wie die ihrige, bedurfte vor Allem einer Erziehung, die ihrem Gemüthe Nahrung gab. Der zarifühlende Takt, der beharrliche Wille einer verſtändigen Mutter hätten ohne Zweifel manche ſchöne Anlage in ihr entwickelt und zur Reife gebracht. Statt deſſen war ſie von früheſter Jugend an der er⸗ ziehenden Thätigkeit einer mütterlichen Tante anvertraut worden, welche aus mißverſtandener Frömmigkeit den Grundſätzen einer ſtrengen Aszetik oder einer Art myſtiſch⸗ poetiſcher Theologie huldigte. In dieſem Geiſte wurde die ganze Erziehung geleitet. Vor Allem erwies ſich der ſchädliche Einfluß dieſes Geiſtes auf das jugendliche Gemüth Dianens an ihren falſchen Anſichten von der Ehe, die ſie als eine grobe Sünde wider die göttliche Tugend der Keuſchheit anſah.