Teil eines Werkes 
1.-3. Bdchn (1846)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Feueraugen, lächelten die Schelmenmienen, funkelten die Juwelen, rauſchten die Atlasgewänder, flatterten die Locken und quollen die ſchneeweißen, üppigen Schultern unter dem Sammet hervor..

Aber der neue Ankömmling überragte alle dieſe Schönheiten, wie die Göttin ihre Nymphen, die Königin ihre Vaſallinnen. Sie war der Demant in mitten eines reichen Geſchmeides, der alle andere Edelſteine durch ſeinen Glanz verdunkelt.

Doch war auch ſie vielleicht eine Kurtiſane; denn unter dem erleuchteten Portale des ungeheuren Tempels durfte die Prieſterin allein ungeſtraft ihre Reize entfal⸗ ten. Aber wenn ſie eine Kurtiſane war, ſo war ſie es in der Art der Leontium oder der Läis, der Ninon oder der Delorme, jener ſchönen Buhlerinnen, die mit ihrer Schande den Ruhm erkauften und ihr unkeuſches Lager unter dem Blumenſchleier der Poeſie verſteckten.

Sie trug ein hellſeidenes Kleid und darüber ein ſchwarzſammtenes Mieder. Gegen die Sitte des Ortes ſah man die klaſſiſchen Formen ihres Buſens nur durch ein Spitzentuch. Ihre pechſchwarzen, in der Mitte des Hauptes geſcheitelten Haare floßen in vollen, beweglichen Locken bis auf die Schultern herab, ſtatt nach damaliger Mode in dichten Büſcheln gekreppter Haarkrauſen um die Schläfen zu liegen. Mitten auf der Stirne hielt ein Diamantſchloß zwei Doppelreihen weißer Perlen, die unter den reichen glänzenden Haaren umherirrten.

Dieſer ſchöne Rahmen umgab das kühngezeichnete Oval eines jungfräulichen Geſichtes, deſſen ernſtes und doch jugendliches Lächeln eine Welt geheimer Ver⸗ heißungen offenbarte.

Dieß Lächeln war zu koſtbar, um ſich nicht zu ſcho⸗

nen. Nur in ſeltenen Zwiſchenräumen flog es erhellend

über die ſcharfen Linien eines Mundes von ſo klaſſiſchen Formen, daß er, ohne den zarten, faſt hingehauchten Schatten ſeines ſchwarzen Flaumes längs des Randes der Oberlippe, für das Werk eines Phidias oder Praxi⸗