Teil eines Werkes 
2. Bd. (1870)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

199

Es ſchlug zehn Uhr. Die Gaſſen waren ſtill und menſchenleer, namentlich in der Vorſtadt, wo das gräf⸗ lich La Rochelle'ſche Palais ſtand. Aus der erleuchte⸗ ten Einfahrthalle deſſelben trat Doctor Julian in das nächtliche Dunkel. Er beſchleunigte ſeine Schritte, bis er in die einmündende Querſtraße einbog. Als er den unmittelbaren Bereich des Palaſtes hinter ſich hatte, lüftete er den Rock und ſchlug eine ruhigere Gang⸗ art ein.

Er hatte Abſchied genommen von Lucian, der be⸗ reits vollkommen für ſeine Fahrt nach Italien und einen längeren Aufenthalt in Neapel gerüſtet war. Mehr als die Trennung von ſeinem geliebten jungen Freunde aber hatte ihn die Zwieſprache mit der Gräfin angegriffen.

Lucinde wußte es zu veranſtalten, daß ſie die letzten Momente ohne Zeuge mit ihm reden konnte. War es eine unbeſtimmte Ahnung, oder eine Entdeckung ihres Scharfſinnes ſie ſprach von ſeiner Beziehung zu ihrem Gatten, als läge das Schickſal des Grafen in ſeinen Händen. Seinem Verſuche, zu widerſprechen, ſetzte ſie die Ruhe der Gewißheit entgegen, bis ſich endlich Julian zu einem Geſtändniſſe bequemte. Nicht daß er ſie in ſeine Myſterien einweihte; aber er gab zu, daß er in der Lage ſei, ſich an dem Manne em⸗