284
führt werde, das ſie gefürchtet hatte; es war der Uebergang zum Tod ohne deſſen Schmerzen— und ſie befand ſich in der Dunkelheit allein mit Gott.
Alles war ſo raſch, ſo traumartig vor ſich ge⸗ angen, daß die Fäden der gewöhnlichen Ideenver⸗ nüpfung nicht Stand hielten. Sie ſank auf den Sitz nieder, hielt mechaniſch das Ruder feſt und gewann geraume Zeit keine beſtimmte Vorſtellung von ihrer Lage. Das Erſte, was ſie zu vollerem Bewußtſein weckte, war das Nachlaſſen des Regens und die Wahrnehmung, daß in die Dunkelheit ein mattes Licht hereinbrach, welches den überhängenden ſchwarzen Himmel von der unermeßlichen Waſſer⸗ fläche unterſchied.— Sie wurde dahin getragen von den Fluthen der Ueberſchwemmung— dieſer ſchrecklichen Heimſuchung Gottes, wie ihr Vater ſie zu nennen pflegte, die ſchon in den Träumen ihrer Kindheit gelegentlich wie ein Alp auf ſie gewirkt hatte. Und an dieſen Gedanken hefſtete ſich ein Bild von der alten Heimath, von Tom und von ihrer Mutter, die alle Zeugen geweſen waren von den Worten des Hingeſchiedenen.
„O Gott, wo bin ich? Wie finde ich den Weg nach Haus?“ rief ſie in ihrer Einſamkeit.
Wie ging es wohl denen in der Mühle? Sie war von der Ueberſchwemmung ſchon einmal faſt zerſtört worden und befand ſich vielleicht wieder in Gefahr. Ihre Mutter und ihr Bruder waren dort, allein— außer dem Bereich der Hilfe! Ihre ganze Seele drängte ſich in dieſem Gedanken zuſammen; ſie vergegenwärtigte ſich die theuren Geſichter, wie


