Teil eines Werkes 
3. Bd. (1861)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

„Obſchon Du dieſe Anſicht nicht zu theilen in der Lage biſt?“

„Oh, ich weiß nicht,“ entgegnete Lucie, von der Stirne bis in den Nacken hinunter erröthend.„Es taugt vielleicht nichts, Erwartungen allzu ſehr zu ſpannen, da ſie möglicherweiſe getäuſcht werden kön⸗ nen; aber ich habe ihm eine koſtbare Ueberraſchung vorbereitet und werde ihn tüchtig auslachen können. Ich ſage Dir noch nicht, worin ſie beſteht.“

Lucie erhob ſich von ihren Knieen und trat, ihr hübſches Köpfchen etwas ſeitwärts haltend, ein wenig zurück, als ſuche ſie den rechten Standpunkt, um von Maggie ein Porträt aufzunehmen und ſich ein Urtheil über den Geſammteindruck ihrer Figur zu bilden.

„Steh' einen Augenblick auf, Maggie.“

„Was haſt Du mit mir vor?“ verſetzte Maggie mit einem matten Lächeln, während ſie ſich von ihrem Sitz erhob und auf ihre ſchmächtige, elfen⸗ artige Couſine niederſchaute, deren Figur dem tadel⸗ loſen Faltenwurf des Seiden⸗ und Florgewands gegenüber eine ſehr untergeordnete Rolle ſpielte.

Lucie verharrte eine Weile in ihrer beſchaulichen Haltung und ſprach ſodann:

„Ich kann mir nicht denken, welche Zauberei es macht, daß Du am beſten in Deinen abgetragenen Kleidern ausſiehſt, obſchon jetzt ein neuer Anzug für Dich her muß. Du weißt, wie ich geſtern Abend verſuchte, Dich mir in einer ſchönen modernen Tracht vorzuſtellen; aber ich mochte thun, was ich wollte, immer kam mir vor, als ſtehe Dir der ſchlaffe Merino am beſten. Ich habe mir oft Gedanken dar⸗ über gemacht, ob nicht Marie Antoinette noch groß⸗

—