Teil eines Werkes 
Bd. 4König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 3 (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ö

vielleicht mitverſchuldet. O Gott, o Gott! Wie ich nach Hauſe kam, weiß ich nicht. Aber es fröſtelt mich jetzt, und ich habe ſo arges Kopfweh, daß ich mich zu Bett legen will, um mich erſt recht auszuruhen. Da ich aber dem kurfürſtlichen Cabinetsrath einen Brief an dich ver⸗ ſprochen habe, den er mit eigenem Schreiben beſorgen will, ſo ſende ich bis auf Weiteres dieſe Zeilen ab, die dich wenigſtens wegen meiner beruhigen koͤnnen. Ach, was iſt Verbannung und Fremde für eine ſchwere Koſt! Aber Reichardt wird herüberkommen und mich ſchon erheitern.

Nächſtens mehr, unvergeßliches Herz! Dein Ludwig.

Nur einige Augenblicke ſtand Lina, den Brief in den herabhangenden Händen, niedergebeugt, dann richtete ſie ſich langſam auf, mit dem Blick nach oben, als ob ſie ſich der Angſt und Ahnung gewachſen fühlen wollte, die aus dem Brief ſo ſchwer über ſie kamen. Sie eilte zu Frau von Stölting nach Homberg hinüber, ſich mit der mütterlichen Freundin zu berathen, nicht außer ſich, wie man zu ſagen pflegt, ſondern ganz geſammelt, wie eine edle Frau, wenn ihr nicht zu leiden, ſondern zu leiſten auferlegt wird.

Der Arzt ſaß eben bei der trauernden Mutter, und Lina rief:

Ha, welch' eine Mahnung des Himmels erſcheinen Sie mir! Leſen Sie den Brief, Doctor! Er las; ſie ſah ihm geſpannt ins Geſicht, bis er vom Papier betrübt zu ihr aufblickte. Da rief ſie mehr bejahend als fragend:

26*