Teil eines Werkes 
Bd. 4König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 3 (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

ein Unrecht, für eine Unſchicklichkeit anrechnen, ſo müſſen wir es für eine höhere Fügung oder Eingebung gelten laſſen, aber auch dazu gebrauchen, das heißt, ihn zu warnen.

Dieſe letzte Erinnerung Ludwig's, eben weil ſie für ein etwas ſchwärmeriſches Gemüth ſo ſchlagend erſchien, knüpfte aus den halb entwirrten Fäden des Briefräthſels eine neue Schlinge für Lina's Herz. Es blieb für ſie ein ſtiller Harm, ebenſo tief als zart empfunden, daß ſie mit dem Briefe dem geliebten Freund eine ſo beſchämende Täuſchung aufdecken ſollte. Eher hätte ſie ſich entſchlie⸗ ßen koͤnnen, das Papier an Ceeile zurückzugeben und ſie damit aus Caſſel zu vertreiben, oder auf dieſem Wege dem lieben Freund zu ſeiner Rettung das edlere Leid zu bereiten, daß er von einem vermeintlich ſo liebenswürdi⸗ gen Geſchöpfe verſchmäht werde.

4

So gingen die nächſten Tage ſtill vorüber. Von Her⸗ mann war ein Bericht an ſeinen Miniſter eingelaufen und hatte einen Beiſchluß für Lina mitgebracht. Sie freute ſich an der heitern, witzigen Reiſebeſchreibung, die der Brief enthielt, noch inniger aber an dem ſanften, gerühr⸗ ten Andenken, das ſich hindurchzog.

Inzwiſchen war auch der König mit vertrauter Hof⸗ umgebung ſeit einer Woche im Bade Nenndorf. Er war Tags nach jenem Beſuche Lina's bei Madame Simeon dahin abgereiſt, und Marinville hatte eben damals Ab⸗ ſchiedsbeſuch gemacht. So oft Lina der freundlichen Mit⸗ theilungen gedachte, die ihr der Cabinetsſecretär von der günſtigen Meinung des Königs für Ludwig und von deſ⸗

7

3† 1

1