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Sorgfältig, aber nach ihrem Geſchmack einfach ge⸗ kleidet, ging ſie zur Mittagszeit nach dem Juſtizpalaſt und ließ ſich bei Mademoiſelle Cerile melden. Der Bediente kündigte ſie aber ſeiner Anweiſung gemäß ſtillſchweigend bei der Miniſterin an.
Madame Simeon ward etwas betroffen. Sie wußte wol durch Cecile von der Abſicht der ſchönen Frau, zu Beſuch zu kommen, und erklärte ſich dieſen Gang aus dem Verhältniß, das ſte, nach ihrem Geſchmack, zwiſchen Lina und dem Doctor vorausſetzte. Dies war es aber nicht, was ſie ſo befangen machte. Allein Cecile hatte ihren Brief vermißt, und konnte nach allem Nachſuchen und Nachſinnen nicht über den Gedanken hinauskommen, Hermann müſſe ihn entwendet haben. Sie und die ver⸗ traute Tante ſchwebten in der ängſtlichen Unruhe, und in dieſer Ungewißheit ſollte ſie den Beſuch empfangen. Sie bedachte nicht, daß eine Frau wie Lina unmöglich gekom⸗ men ſein konnte, jenes Billet auszufechten. Aber ſie war gewandt genug, der ſchönen Frau mit einer Art entgegenzutreten, die dieſe noch immer für höflich nehmen durfte, mit der ſie ſich aber nichts vergeben hatte, falls ſie ſich etwa hinter ihre Würde zurückziehen müßte.
Sie wollen zu meiner Nichte, Madame, ſagte ſie, aber Cecile iſt ſeit geſtern abgereiſt, und—
Nach Frankreich, Madame? fiel Lina ſo raſch und mit ſo unverkennbarer Zufriedenheit ein, daß Frau von Si⸗ meon, die eine vergnügte Eiferſucht darin erblickte, nicht ohne ſchalkhaftes Lächeln erwiderte:
Das nicht. Es wäre mir auch leid, das liebe Mäd⸗ chen zu verlieren. Nein, nur nach Pyrmont. Meine


