10
„Dieſes Schreiben habe ich Ihnen zu übergeben, Herr Pfarrer.“
Und in demſelben Augenblicke hefteten ſich die Augen des jungen Mannes mit einer Chrerbietung, worein ſich augenſcheinlich ein bischen Furcht miſchte, auf das Geſicht des Prieſters, der eben den Brief aus ſeinem Couvert herausgezogen hatte.
„Nehmen Sie Platz, mein Herr,“ ſprach Herr Raynal, noch ehe er zu leſen anfing.
Kaum aber hatte er die erſten Worte dieſes Miſſives geleſen, ſo ſchaute er den, aus deſſen Händen er es erhalten, an, und ſprach bewegt:
„Es iſt dieſer Brief alſo von meinem Bruder?“ „Ja, Herr Oheim.“
„Sie ſind alſo...
„Johann Raynal, Sohn Ihres Bruders und Ihr Neffe.“
„Laß Dich von mir umarmen, lieber Junge,“ antwortete der Prieſter, aufſtehend und ſeinen Neffen mit den Armen umſchließend.
Die alte Frau, welche Zeuge dieſer Scene war und ſeit zwanzig Jahren alle Menſchen geſehen, die ihren Herrn beſucht hatten, ſchaute erſtaunt dieſen großen jungen Mann an, den ſie noch nie geſehen,
und der von dem Pfarrer Neffe genannt wurde.
„Es hat alſo der Herr Pfarrer einen Bruder?“ fragte ſie, ſich in vertraulichem Tone an den Pfarrer wendend.
„Ja, gute Antonette.
„Der Herr Pfarrer hatte mir doch aber nie da⸗ von geſagt.“
Es erklärt ſich dieß daraus, daß mein Oheim
47
147 .
2


