„Der ganze Unterſchied zwiſchen uns Beiden, ſiehſt Du, liebe Freundin, iſt, daß, wenn Du ausge⸗ gangen biſt, Dein Mann auf Dich wartet, und daß, wenn mein Mann fort iſt, ich nicht auf ihn warte. Soll ich anſpannen und Dich heimfahren laſſen?“ ge„Ich danke Dir ſchön, ich gehe lieber zu Fuße
eim.“
„Wann ſehe ich Dich wieder?“
„Morgen Abend, es wird dann ohne Zweifel ein Brief da ſein.“
„Du kommſt alſo nur deßwegen?“
Und es küßten ſich die beiden Frauen.
„Wie närriſch biſt Du doch!“ ſprach die Mar⸗ quiſe.„Du weißt wohl, daß ich Dich ſtets gern ge⸗ habt habe.“
Marcelline ging die Treppe hinab.
Die Marquiſe blieb noch einige Augenblicke am Fenſter, dann klingelte ſie ihrer Kammerfrau, nahm das Buch, das ſie zu leſen angefangen hatte, und verſchwand in ihrem Schlafzimmer.
Sie machte ihre Nachttoilette und riegelte ihre ſämmtlichen Thüren zu.
Als ſie allein war, ging ſie an ihren Spiegel hin. Sich ſo ſchön ſehend, lächelte ſie ſich ſelbſt an; ſodann nahm ſie den Leuchter, ſtellte ihn auf ein Nachttiſchchen, ſtreifte ihre Atlaßpantoffeln ab, ſprang fröhlich auf ihr Bett hinauf und fing an zu leſen.
Anfänglich liefen ihre Augen über das offene Buch hin; indeſſen wendete ſie, ſei es daß das Buch nicht intereſſant genug war, ſei es daß etwas An⸗ deres ihr im Kopfe herumging, auch nicht ein ein⸗ ziges Blatt um; und es ſtand nicht lange an, ſo ver⸗


