12
großen Tropfen von geſtern Abend noch hatten, in ihre Augen. Sie wiſchte ſie ſchnell ab: ſie durfte bei Tag nicht weinen: Niemand ſollte erfahren wie unglücklich ſie war, Niemand ſollte wiſſen daß ihr ein Herzeleid zugeſtoßen, und der Gedanke daß Tante und Onkel ſie feſt ins Auge faſſen würden, verlieh ihr die Selbſtbeherrſchung die oft einen großen
Schrecken begleitet. Denn Hetty ſah aus ihrem
ſtillen Jammer der Möglichkeit daß ihre Verwandten das Geſchehene erfahren könnten mit derſelben Be⸗ ängſtigung entgegen womit der kranke und müde Gefangene an den Pranger denken mag. Sie wür⸗ den ihr Benehmen für ſchändlich erklären, und Schande war Folterqual für ſie. So war es mit dem Gewiſſen der armen kleinen Hetty beſtellt.
Sie verſchloß ihre Schublade und begab ſich an ihre Tagesarbeit.
Abends, als Herr Poyſer ſeine Pfeife rauchte und ſich daher in ſeiner roſigſten Laune befand, benüzte Hetty eine gelegentliche Abweſenheit ihrer Tante um zu ſagen:
„Onkel, ich möchte gar zu gerne eine Kammer⸗ jungfer werden.“
Herr Poyſer nahm ſeine Pfeife aus dem Mund und betrachtete einige Augenblicke Hetty mit ſanfter Verwunderung. Sie war am Nähen und arbeitete eifrig weiter.
„Ei wie? Wer hat Dir denn das in den Kopf geſezt, mein Mädchen?“ ſagte er endlich, nachdem er nochmals einen Paff gethan hatte um das Feuer nicht ausgehen zu laſſen.—
2


