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Stellung zu verlaſſen und ſich blindlings in etwas Unbekanntes zu ſtuͤrzen. Sie war vielmehr eine weichliche und eitle, aber keine leidenſchaftliche Natur, und wenn ſie je eine gewaltſame Maßregel ergreifen ſollte, ſo mußte ſie durch die Verzweiflung der Angſt dazu gedrängt werden. Ihre Gedanken hatten in dem ſchmalen Cirkel ihrer Einbildung nicht viel Raum zu durchlaufen, und bald entſchloß ſie ſich zu dem Einen was ſie thun wollte um aus ihrem alten Leben wegzukommen: ſie wollte ihren Onkel bitten daß er ſie Kammerjungfer werden ließe. Fräulein Lydia'’s Zofe würde ihr ſchon zu einer Stelle ver⸗ helfen, ſobald ſie wüßte daß ihr Onkel ſeine Ein⸗ willigung gegeben hätte.
Als ſie ſich dieß ausgedacht hatte, machte ſie ihr Haar und begann ſich zu waſchen: es ſchien ihr jezt eher möglich hinabzugehen und ſich wie gewöhnlich zu benehmen. Sie wollte ihren Onkel noch heute fragen. Bei Hetty's blühender Geſundheit wäre eine ſtärkere Doſis ſolcher geiſtigen Leiden erforderlich ge⸗ weſen um einen tiefern Eindruck zu hinterlaſſen, und als ſie ſo hübſch wie gewöhnlich in der Woche ſich angezogen und ihre Haare unter ihrem Häubchen aufgebunden hatte, da würde ein gleichgiltiger Be⸗ obachter weit mehr die jugendliche Rundung ihrer Wangen und ihres Halſes, ſo wie die Dunkelheit ihrer Augen und Wimpern, als irgend ein Zeichen der Trau⸗ rigkeit auffallend gefunden haben. Aber als ſie den zer⸗ knitterten Brief aufhob und in ihre Schublade legte, um ihn auf immer zu verſchließen und aus ihren Blicken zu verbannen, da drängten ſich ſcharfe ſchmerzliche Thränen, ohne den Troſt welchen die


