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auf einmal— alles das erſchien ihr jezt ganz gering⸗ fügig, trübſelig und reizlos; ſie ſollte jezt für immer ein hoffnungsloſes Sehnen und Verlangen in ſich tragen.
9 e hielt mitten in ihrem langſamen Auskleiden inne und lehnte ſich an den dunkeln alten Schrank. Hals und Arme waren bloß, ihre Haare hingen in zarten Locken herab, und ſie war juſt eben ſo ſchön wie in jener Nacht vor zwei Monaten als ſie, glühend vor Eitelkeit und Hoffnung, in ihrem Schlafzimmer auf und ab gegangen war. Iezt dachte ſie nicht an ihren Hals und ihre Arme; ſogar ihre eigne Schön⸗ heit war ihr jezt gleichgiltig. Ihre Augen ſchweiften traurig über die langweilige alte Kammer hin und ſahen dann mit leerem Blick auf den zunehmenden Dämmerſchein hinaus. Ob wohl eine Erinnerung an Dina in ihr auftauchte? an ihre prophetiſchen Worte worüber ſie ſich damals geärgert? an Dina's liebevolle Bitte ſie als Freundin in der Trübſal zu betrachten? Nein, der Eindruck war zu oberflächlich geweſen um wiederzukehren. Aller noch ſo zärtliche Zuſpruch von Dina wäre Hetty an dieſem Morgen ſo gleichgiltig geweſen wie überhaupt alles Andere, mit Ausnahme ihrer zertretenen Leidenſchaft. Sie dachte bloß daran daß ſie nicht dableiben und das alte Leben fortſezen könne, daß ſie eher etwas ganz Neues zu ertragen vermöchte als in den bisherigen Schlendrian des alltäglichen Lebens zurück zu ver⸗ ſinken. Sie wollte noch an dieſem Morgen entlaufen und nie wieder eines von den alten Geſichtern ſehen. Aber Hetty war keine Natur die den Schwierigkeiten ins Auge ſchaute, die es wagte eine gewohnte


