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Sie hatte dieſen Morgen keine Thränen. Sie hatte dieſelben in der Nacht alle ausgeweint, und jezt empfand ſie jenes Morgenelend wobei das Auge trocken bleibt, das ſchlimmer iſt als die erſte Erſchüt⸗ terung, weil es ſowohl die Zukunft als die Gegen⸗ wart in ſich ſchließt. Jeden Morgen, ſoweit ihre Einbildungskraft reichte, ſollte ſie in Zukunft auf⸗ ſtehen und ſich ſagen daß der Tag keine Freuden für ſie haben werde. Denn es gibt keine ſo vollſtändige Verzweiflung wie diejenige welche mit den erſten Augenblicken unſeres erſten großen Kummers eintritt, wenn wir es noch nicht an uns ſelbſt erfahren haben was es heißt zu leiden und wieder zu geneſen, zu verzweifeln und wieder Hoffnung zu faſſen. Als Hetty langſam und matt ihre Kleider, welche ſie die ganze Nacht anbehalten, auszuziehen anfing um ſich zu waſchen und zu kämmen, da hatte ſie ein krank⸗ haftes Gefühl daß ihr ganzes Leben auf dieſe Art dahin gehen würde; ſie würde immer Dinge thun müſſen die ihr keine Freude machen, immer die alten Arbeiten verrichten, lauter gleichgiltige Leute ſehen, in die Kirche nach Treddleſton gehen, bei Frau Beſt Thee trinken, ohne ſich eines einzigen glücklichen Gedankens zu erfreuen. Denn ihre kurze vergiftete Seligkeit hatte für immer alle die kleinen Freuden verdorben welche ſonſt die Wonne ihres Lebens aus⸗ gemacht: das neue Kleid auf dem Treddleſtoner Markt, die Geſellſchaft bei Herrn Britton auf der Broxtoner Kirchweih, die Liebhaber denen ſie auf lange Zeit Nein ſagen wollte, und die Ausſicht auf die Hochzeit die doch zulezt kommen mußte, mit einem ſeidenen Rock und der großen Menge Kleidungsſtücke


