12⁰
»Wie gut iſt ſie! O mein Gott, wie gut iſt ſie!« rief ſie. »Aber wer hätte auch das Herz, Euch etwas Uebels zuzufü⸗ gen, Miß Lucy?«
Indem ſie dieſe Worte ſprach, ergriff ſie die Hände des jungen Mädchens und küßte ſie mit Inbrunſt.
Luch hob ſie auf, zog ſie an ihre Bruſt und hielt ſie einige Secunden lang feſt umſchloſſen.
»Es liegt mehr Gerechtigkeit als Güte in dem Gefühl, welches mich zu Euch drängt, Suſanne,« ſagte ſie zu ihr. „Weiß ich vielleicht nicht, wie unſchuldig Ihr an dem entſetz⸗ lichen Unglück ſeyd, welches Euch getroffen? Weiß ich vielleicht nicht, für wen Ihr geſtern in Feversham s Lager ginget und was Ihr dort thun wolltet?«
»O nicht wahr, er iſt ſehr undankbar?« unterbrach ſie Suſanne, indem ſie die Augen gen Himmel richtete,„denn um ihn zu retten, habe ich mich ins Verderben geſtürzt. Wenn ich nicht für ſein Leben gezittert hätte, wenn ich nicht den Dolch von ſeiner Bruſt hätte abwenden wollen, wäre ich dann wohl hingegangen? Und wie kam ich noch zur rechten Zeit! Der Mörder iſt wieder zurück nach London geſendet worden, zu Dem, der ihm den Auftrag gegeben.⸗
»Ja, Suſanne, ich habe niemals auch nur einen Au⸗ genblick lang an Euch gezweifelt. Ihr müßt jedoch Lord Lisle verzeihen. Die Lebhaftigkeit ſeiner Vorwürfe beweiſt Euch. wie ſehr er Euch geneigt iſt. Dieſer Gedanke muß die Bitter⸗ keit eures Kummers lindern.«
»Und das ſagt Ihr mir, Miß Luch?« rief Suſanne. »Ja, es iſt wirklich wahr, Ihr ſeyd ein Engel.«
»Ach leider nein, aber wohl kann ich einem ſo großen und ſo unverdienten Schmerze wie dem euren mein innigſtes Mitgefühl widmen,« antwortete Lucy mit edler Einfachheit.


