Teil eines Werkes 
2Der Tiger von Tanger : historischer Roman : 2. Th. (1858)
Entstehung
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und ich begann das Leben zu ſtudiren. Ha! theurer Bruder, welch eine enttäuſchende Beſchäftigung! Wie warf ſie alle meine Ideen über den Haufen! Ich ſah, daß die von der großen Menge ſo beneideten Vornehmen, die ſo ſtolzen, von Schmeichlern umlagerten Günſtlinge der Mehrzahl nach nichts ſind, als Geſchöpfe ohne allen Werth! Chiffinch, den ſo Viele ſuchen, Chiffinch, den man anhört wie ein Orakel, weil er der Einzige iſt, der bei dem neuen König in hoher Gunſt ſteht, welcher die vornehmſten Edelleute des Königreiches wie ſeines Gleichen behandelt gab mir zuerſt das Bewußtſeyn des außer⸗ ordentlichen Unterſchiedes, welcher faſt ſtets zwiſchen dem Ver⸗ dienſt eines Emporkömmlings und der Stellung beſteht, die er in der Welt einnimmt! Wenn Du wüßteſt, Bruder, wie ſchwach alle die Günſtlinge des Glückes vor ihren niedrigen 1 Leidenſchaften daſtehen, dann würdeſt Du Dich verſucht füh⸗ len, ſie zu bemitleiden. Sobald ein unüberſteigliches Hinderniß ſich der Erreichung ihrer Wünſche entgegenſtellt, wenn ſie auf einen feſten, unerſchütterlichen Willen ſtoßen, dann werden ſie eben ſo demüthig und kriechend als ſie vorher ſtolz und an⸗ maßend waren. Mehr durch den Abſcheu, den Chiffinch mir einflößte, als durch eine kluge Berechnung geleitet, wies ich ſeine Huldigungen mit ſtolzer Verachtung, mit unüberwindlicher Hartnäckigkeit zurück. Was war die Folge davon? Daß dieſer gegen die Frauen von jeher ſo freche und boshafte Menſch mir gegenüber eine Hingebung, ja, eine Unterwürfigkeit zeigt, welche unverbrüchlich zu ſeyn ſcheint. Es wäre mir nicht mög⸗ lich Dir den Grad von Erniedrigung zu ſchildern, auf welchen er herabgeſunken iſt. Thränen und Schluchzen ſind in der Regel die Antwort auf meine unverſöhnliche Verachtung. Suſanne, deren Worte ſtolz und harmoniſch klangen,