Teil eines Werkes 
2Der Tiger von Tanger : historischer Roman : 2. Th. (1858)
Entstehung
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unkenntlich macht. Vergebens ſuche ich in Dir das naive und ſchüchterne Mädchen von ehedem. Dein Lächeln, früher ſo aufrichtig und ſo ſanft, hat einen Ansdruck von Dreiſtigkeit und Keckheit angenommen, der mich beſtürzt macht. Aber den⸗ noch, Suſanne, würde ich bei dem Andenken an unſere geliebte Mutter darauf ſchwören, daß Du immer noch jeder Achtung, jeder Huldigung würdig biſt. Deine Unſchuld iſt vielleicht ver⸗ ſchwunden, aber deine Rechtſchaffenheit iſt noch makellos und unverletzt.« »Bruder, deine Bemerkung iſt ſehr richtig,« ſagte Su⸗ ſanne niedergeſchlagen.Was willſt Du ſagen? Ich werde Dir deine eigenen Worte wiederholen, die Du vor wenigen Augenblicken zu mir ſprachſt: Ich habe ſo viel gelitten! Ich habe ſo viel gelitten! O, Du ahneſt nicht die angſtvollen Stun⸗ den, welche meine Einſamkeit gequält haben. Ich habe begriffen, daß ein unbeugſamer Wille auf deinem Geſchick laſtete, daß eine höhere Gewalt über deinen Willen verfügte, daß man deine Thatkraft zum Nutzen von Intereſſen ausbeutete, welche nicht die deinigen waren. Chiffinch iſt es, der, um mich zu ſchrecken, um mir fühlen zu laſſen, wie ſehr ich in ſeiner Ge⸗ walt war, mich auf die Spur dieſer Entdeckung gebracht hat. Von dieſem Augenblick an iſt eine außerordentliche Umwäl⸗ zung in mir vorgegangen. Ich habe errathen, was ich nie⸗ mals geahnt hatte die Bosheit der Welt! Ich habe die Ueber⸗ zeugung erlangt, daß der Schwache und der Arme früher oder ſpäter gezwungenermaßen die Beute des Starken und des Rei⸗ chen werden muß. Anfan sempfandich Furcht, große Furcht; als aber der erſte Augenblick der Ueberraſchung vorüber war, als der Schwindel, welcher mich blendete, theilweiſe verflogen war, wollte ich mir genaue Rechenſchaft von meiner Stellung geben

Der Tiger von Tanger. II. 11