49
»Nun, habt Ihr Euch nicht verbindlich gemacht, wenn ich Euch Lord Lisle auslieferte, mir Leben und Freiheit zu ſchenken?«
Der Oberrichter ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf.
»Deſto ſchlimmer fuͤr Dich, Dummkopf,« rief er,„wenn Du Dich in einer ſo plumpen Schlinge haſt fangen laſſen; Du hätteſt Dir nicht einbilden ſollen, ein Menſch zu ſeyn, der allen andern überlegen und ſeiner Mittel ſicher wäre. Ha, welch eine erbärmliche Rolle Du da gewählt haſt!
Jeffreys' Heiterkeit war nicht von langer Dauer und ſchwand bald vor dem kalten, ironiſchen Blick, womit der Irländer ihn betrachtete.
»Ach, Mylord,« ſagte der Gefangene in einem Tone, der zwiſchen Verachtung und Mitleid ſchwankte,„ich hätte nicht geglaubt, daß der Ruf, den Ihr genießet, auf ſolche Weiſe uſurpirt wäre und jeder Begründung entbehrte. Was, Ihr, der ſcharfſinnige Richter, der geübte Beobachter, der untrügliche Phyſiognomiker, Ihr überraſcht einen Menſchen in ſeinem Schlafe? Ihr plaudert mit ihm, Ihr fragt ihn nach eu⸗ rer Bequemlichkeit aus, und dann nachdem Ihr ſo vielvon ihm erfahren und es Euch leicht geworden, Euch eine Meinung über ihn zu bilden, ſeyd Ihr noch nicht einmal ſo weit, daß Ihr ſeine Maske lüften könntet? Dieſen ſchimpflichen Mangel an Worttreue, dieſen nichtswürdigen Verrath, auf welchen Ihr Euch ſo viel einbildet, hatte ich vorausgeſehen und erra⸗ then. Armer, armer Jeffreys! Ihr glaubtet ſchon mich in der Gewalt zu haben und einen Siegesruf anſtellen zu kön⸗ nen. Wie habt Ihr Euch da verrechnet! Die Beute iſt außer⸗ halb eures Bereichs; eure habgierigen Hände bewegen ſich vergebens, um einen Schatten zu faſſen. Was habe ich Euch Der Tiger von Tanger. I. 4


