Druckschrift 
Die Taube : zwei Bändchen / von Alexandre Dumas. Aus d. Franz. von August Zoller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

123

Ich eilte mit haſtigen Schritten zu ſeiner Quelle hinauf, trotz meiner Müdigkeit; doch ich fühlte, ich würde bis zu dieſem Hauſe kommen; dort würde mich freilich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, dieſe ſcheinbare Kraft ver⸗ laſſen. Nachdem ich ungefähr eine Viertelſtunde gelaufen war, kam ich zu einem von einem Rande des Baches zum andern geworfenen Baum. Zu jeder andern Zeit hätte ich mich nie auf dieſe bewegliche Brücke gewagt; ich ſprang darauf und überſchritt ſie ſicheren Fußes, als ob ich ſie mit feſtem Auge gemeſſen hätte.

Dann kein Hinderniß mehr, ſogar eine Art von ge⸗ bahntem Weg; ich ſetzte meinen Lauf fort, nur wurde mein Lauf immer raſcher, je näher ich kam.

Ich erreichte es, das ſo ſehr erſehnte Ziel; die Thüre ſtand offen; ich überſchritt die Schwelle; eine Treppe bot ſich zu meiner Rechten, ich eilte dahin, doch ſtillſchweigend, ohne Jemand zu rufen. Ich wagte es nicht, ſeitdem ich die Thüre berührt hatte; ich war über⸗ zeugt, ich würde das Zimmer leer finden.

Das Zimmer war leer, das Fenſter offen, und auf dem Tiſch lag ein ganz mit Thränen benetzter Brief.

Dieſer Brief, o meine Mutter! dieſer Brief, deſſen Schlußzeilen kaum ſeit einer halben Stunde geſchrieben waren, dieſer Brief enthielt ſeinen letzten Abſchied.

Ich kam eine halbe Stunde zu ſpät: er war in der Kirche, er legte ſein Gelübde ab.

Ich fühlte das Haus unter meinen Füßen zittern; es ſchien mir, als drehte ſich Alles um mich her. Ich fing einen Schrei an, der durch meinen letzten Seufzer endigen ſollte, als mir ploͤtzlich der Gedanke kam, das Opfer ſei vielleicht noch nicht erfüllt, das Gelübde ſei vielleicht noch nicht ausgeſprochen.

Ich ſtuͤrzte aus dem Hauſe und nahm inſtinctartig meine Taube mit, die ſich auf einen geweihten Buchs⸗ zweig geſetzt hatte. 4