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Das Kloſter war ungefähr hundert Schritte entfernt; doch diesmal fühlte ich wohl, es würden mir nicht ge⸗ nug Kräfte bleiben, um die Kirche zu erreichen.
Ich hörte die Prieſter das Magnificat ſingen.
Ich hoͤrte die Orgel das Veni Creator ſpielen.
Mein Gott! mein Gott! es blieben mir noch einige Secunden, und nicht mehr.
Wehe! dreimal wehe! die Kirche bot ſich mir von der Seite des Chors; ich mußte um dieſelbe gehen, um die Thüre zu finden.
Das mittlere Fenſter war offen; doch wie konnte ich hoffen, meine Stimme würde das Geräuſch der Orgel und den Geſang der Prieſter beherrſchen?
Ich verſuchte es indeſſen, zu rufen; ein dumpfes Röͤcheln kam aus meiner Bruſt hervor, und nichts Anderes.
Es gibt Augenblicke, wo man begreift, daß Alles uns verläßt, und daß Alles verloren iſt.
Ich fühlte, wie meine Gedanken ſich verwirrten; Alles brach in mir; dann, mitten in dieſem Chaos durch⸗ zuckte ein Blitz, eine Flamme, ein Schein mein Herz.
Ich ſchleuderte die Taube nach dem offenen Fenſter und fiel ohnmächtig nieder.
Güte des Himmels, als ich zu mir kam, lag ich in ſeinen Armen.
Er trug ſchon das Gewand des Mönches, er hatte ſchon die Tonſur des Prieſters, und dennoch gehörte er mir, mir, mir!
Mir, auf immer!
Den ſchon auf ſeinen Lippen begonnenen Schwur hatte die Taube, wie der heilige Geiſt auf einem Sonnenſtrahl herabſteigend, unterbrochen.
Geliebte Taube, du wirſt, in unſern verſchlungenen Händen entſchlummert, auf unſerem Grabe in Stein aus⸗ gehauen ſein.
Ich habe Euch verſprochen, Euch zu ſchreiben, wenn ich ihn wiederfände, fromme Muter. Gott hat in


