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Dreiundvierzigſter Brief.
Am 31. Juli, um 11 Uhr Abends.
Ich weiß es nicht, ob ich Dich je wiederſehen werde, Geliebte meines Herzens, aber beeile Dich, es ſchlägt bald Mitternacht, und mit dem Schlage endigt der letzte Tag meines Lebens in der Welt.
Es iſt morgen der für mein Gelübde bezeichnete Tag, ich habe gewiſſenhaft den gänzlichen Ablauf der drei Monate abgewartet, doch ich kann nicht ſo ewig wort⸗ brüchig gegen Gott ſein. Gott ſpricht mit mir, da Du ſchweigſt; Gott nimmt mich in Anſpruch, da Du mich verläſſeſt.
Oh! nicht ohne einen tiefen Schmerz verzichte ich auf dieſe Hoffnung, die Du mir einen Augenblick gegeben hatteſt. Ich war mit Leib und Seele in die Vergangen⸗ heit, das heißt, in das Glück zurückgekehrt; es wird mich mehr koſten, aus dieſem Glück zu ſcheiden, als es mich koſten würde, aus dem Leben zu ſcheiden.
Das Leben des Kloſters iſt, was man auch ſagen mag, weder der Tod des Körpers, noch der Tod der Seele. Ich habe oft Leichname unterſucht, ich habe oft meine Augen auf ihre bleichen Stirnen geſenkt, es war die Materie, die ſich zerſetzte, und nichts Anderes. Kein Traum bewegte ſich in dem für immer entſchlummerten Gehirn, kein materieller oder moraliſcher Schmerz machte dieſe auf ewig abgeſpannten Fibern beben.
Ich habe dagegen oft die lebendigen Leichname un⸗ terſucht, welche man die Mönche nennt; wenn auch blei⸗ cher als bei einem Todten, war doch ihre Stirne nicht die eines Hingeſchiedenen. Thränen, welche unabläſſig


