97
Dreißigſter Brief.
Am 5. Juli.
Oh! wenn Du wüßteſt, armer Vielgeliebter meines Herzens, was ich Dir Alles ſeit vierzehn Tagen geſchrie⸗ ben habe. Siehſt Du, es iſt hier eine ganze Welt von Gedanken, Wünſchen, Hoffnungen, Klagen und Erinne⸗ rungen! Wenn wir uns je wiederfinden, ach! ach! Gott wolle es, wie ich ihn ſo inbrünſtig bei Tag und beſon⸗ ders bei Nacht anflehe, wenn wir uns je wiederfinden, wirſt Du dies Alles leſen, und dann, dann erſt, das ſchwoͤre ich Dir, wirſt Du begreifen, wie ſehr Du ge⸗ liebſt warſt.
Wenn wir uns nicht wiederſehen... ohl alle Qua⸗ len der Hölle ſind in dieſer Furcht... nun denn! dann werde ich dieſe Briefe wiederleſen, ich werde jeden Tag ein Blatt noch verzweifelter, als das vom vorhergehenden Tage, beifügen, und beim letzten werde ich ſterben, indem ich darauf ſchreibe: Ich liebe Dich.
Ohl ich, die ich für Dich alle Aeugſten und alle Freuden meines Herzens erſchöpft zu haben glaubte, oh! ich fühle, daß es noch in der Zukunft Abgründe und Sameien gibt, die ich nicht einmal von fern erſchaut
atte
Morgen! Warum zittert meine Hand ſo ſehr, in⸗ dem ich dies ſchreibe? Morgen wird der Tag ſein, der über mein Leben entſcheiden ſoll; morgen werde ich ſehen, ob die Taube fliegen kann. Seit drei Tagen ſchon ver⸗ läßt ſie ihren Korb, ſtreckt ihre Flügel aus, verſucht ſich in meinem Zimmer und fliegt von der Thüre nach dem
Die Taube. 3 7
*


