Eilfter Brief. Am 15. Mai.
Ich weiß nicht, ob ich, ſeitdem ich Euch ſchreibe, ruhiger geworden bin, aber ſicherlich fühle ich mehr Erleich⸗ terung. Es iſt eine mächtige Zerſtreuung in mein Leben ein⸗ getreten; ich war ohne Familie, vereinzelt in der mora⸗ liſchen und materiellen Welt, bald auf einem Grabe lie⸗ gend, bald weinend, immer verzweifelnd, und nun finde ich ploͤtzlich einen Bruder.
Denn mir ſcheint, Ihr ſeid für mich ein Bruder. Mir ſcheint, dieſer Bruder, den ich nicht kenne, hat Frankreich verlaſſen, ehe ich geboren war. Mir ſcheint, ich habe ihn erwartet, unabläſſig geſucht. Nun iſt er zurückgekommen. Ohne ſich durch die Gegenwart zu offenbaren, offenbart er ſich nun durch die Stimme. Ich ſehe ihn nicht, aber ich höre ihn. Ich berühre ihn nicht, aber ich vernehme ihn.
Ihr habt keinen Begriff, wie dieſe durch Eure Feder ſo glänzend gefärbte Landſchaft meinen Geiſt in Anſpruch genommen hat. Man leugne mir nicht die Wunder des zweiten Geſichts; das zweite Geſicht beſteht. Durch die beharrliche Kraft meines Willens iſt dieſe Landſchaft hier gegenwärtig, in meinem Geiſte wie in einem Spiegel wiedergeſtrahlt. Ich ſehe Alles, von den roſigen Dünſten, die ſich am Morgen hinter den Hügeln erheben, bis zur gräulichen Ueberfluthung der Schatten am Abend; ich hoͤre Alles, von dem Geräuſche der Blume, die Morgens ihren Kelch dem Thau öͤffnet, bis zu dem in der Einſam⸗
—8—————— XS——
—,—,———————
————


