Druckschrift 
Die Taube : zwei Bändchen / von Alexandre Dumas. Aus d. Franz. von August Zoller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Fünfter Brief. Am 11. Mai bei Tagesanbruch.

Iris iſt ohne Brief und Billet zurückgekehrt. Die arme Kleine ſah ganz betrübt darüber aus, daß ſie ſo, ihres Ranges als Bölin entſetzt, wiedererſchien; ſie hob von ſelbſt den Flügel auf, als wollte ſie mich befragen, was dies bedeute.

Das bedeutet, liebe Iris, daß du mir allein gehörſt, daß der Tag, der ſich an unſerm düſtern Himmel gebildet hatte, erloſchen iſt, daß der Bruder ein Fremder, daß der Freund ein Gleichgültiger war.

Und dies, liebe Kleine, ſchreibe ich für mich ſelbſt. Dieſe Klage meiner Seele, die in ihrer Vereinzelung jam⸗ mert, wird nicht bis zu ihm gelangen; ich ſage dir, daß ich leide, ich ſage dir, daß ich weine, ich ſage dir, daß ich unglücklich bin.

Ach! ach! mein Gott, verirrt ſich Deine Gerechtig⸗ keit nicht zuweilen, und treffen nicht die Schläge, die Du den Schuldigen vorbehältſt, durch einen unſichtbaren und boͤſen Engel abgewendet, die Unſchuldigen? Die Schmer⸗ zen dieſes Lebens bereiten die Glückſeligkeit des andern vor, ſagt man uns; doch warum Schmerzen derjenigen,

welche nichts gethan, welche vielleicht Fehler, aber ſicher⸗

lich kein Verbrechen zu ſühnen hat? warum die Verge⸗ bung von Jeſus gegen Magdalena? warum die Nachſicht von Chriſtus gegen die Ehebrecherin? warum dieſe Strenge gegen mich allein, mein Gott!

Ich habe geliebt, das iſt wahr; doch indem ich liebte, habe ich eine andere Liebe erwiedert; ich war für das Le⸗ ben der Welt, und nicht für das Leben des Kloſters

»