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Sperber verfolgt, daß ſie ſchon einige Federn in den Klauen und im Schnabel des Raubvogels gelaſſen hatte. Gott, für deſſen Majeſtät ein Sperling, der nie⸗ derfällt, einem Kaiſerthume, das zuſammenſtürzt, gleich iſt, Gott hatte dieſem armen Vogel geſagt, in mir ſei der Schutz, wie im Sperber die Drohung war.
Wie dem ſein mag, ich nahm ſie, ganz zitternd und ſogar ein wenig blutig und ſteckte ſie in meine Bruſt, wo ſie ſich mit geſchloſſenen Augen und hüpfendem Her⸗ zen kauerte; als ich ſodann den Sperber erblickte, der ſich auf den Gipfel eines Pappelbaums geſetzt hatte, trug ich ſie in meine Zelle.
Fünf bis ſechs Tage verließ der Sperber ſeinen Beo⸗ bachtungspoſten nur auf einige Augenblicke, und ich ſah ihn Tag und Nacht auf einem dürren Aſte, wo er auf ſeine Beute lauerte.
Die Taube ihrerſeits fühlte ſeine Gegenwart ohne Zweifel, denn traurig, aber ergeben, ging ſie während dieſer fuünf Tage nicht einmal an das Fenſter..
Vorgeſtern endlich verſchwand der Sperber, und der Inſtinct der Gefangenen ſagte dieſer, ihr Feind ſei müde geworden, denn beinahe in demſelben Augenblick ſchwang ſie ſich ſo heftig gegen die durchſichtige Scheibe, daß ſie dieſelbe beinahe zerbrochen hätte.
Von da an war ich für ſie kein Beſchützer mehr, ſondern ein Kerkermeiſter; mein Zimmer hoͤrte auf, eine Zufluchtsſtätte zu ſein, und wurde ein Gefängniß. Einen ganzen Tag lang verſuchte ich es, ſie mit mir zu verſoͤh⸗ nen; einen ganzen Tag lang hielt ich ſie zurück, und ſie ſträubte ſich. Geſtern endlich bekam ich Mitleid mit ihr: ich ſchrieb den Brief, den Ihr empfangen habt, und Thrä⸗ nen in den Augen, öffnete ich das Fenſter, durch welches ich ſie für immer verſchwinden zu ſehen glaubte!
Seitdem habe ich ſehr oft an den Sperber gedacht, der, unbeweglich lauernd, auf dem höͤchſten Aſte der Pappel ſaß, und in dem ich das Symbol jenes Feindes


