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ſeine Schulter legte, fühlte ich den zärtlichen Druck ſeiner Hand. Es war ein Augenblick der Weihe, der durch meine Seele ging. Ich hatte einen Freund, ich hatte einen höheren Menſchen gefunden, der für mich die Freiheit als ein heiliges Anrecht forderte.
Bei dieſer Proclamation des freien Menſchen fühlte ich aber gleich im nächſten Augenblicke wie ſehr ich Sklave der Hofordnung war.
Fand das Souper bei der Oberſthofmeiſterin nicht ſtatt, ſo ſpeiſte Jeder zu Nacht auf ſeinem Zimmer. Sie hatte die Aſſemblee aufge⸗ hoben, und im Corridor nahm mein Gouverneur von mir Beſchlag, eh' ich noch Herr eines Entſchluſſes war. Erſt auf dem Wege zu unſern Gemächern kam mir der Einfall, Dubois bitten zu laſſen, mit uns zu ſpeiſen. Der Magiſter hatte nichts dagegen; er hatte nur noch Gewalt über mich, wenn er meinen Wünſchen, die ich ziemlich ſelb⸗ ſtändig zu äußern anfing, willfahrte; er fühlte zu gut, wie ſehr er von ſeinem Nachfolger im Erziehungsamte bereits aus dem Sattel gehoben war.
Der Kammerdiener kehrte mit dem Beſcheide zurück, Monſieur Dubois habe kein Bedürfniß, zu Nacht zu eſſen, aber er werde ſpäter auf eine halbe Stunde kommen.
Ich wollte ihn in meinem eigenen Zimmer empfangen. Ich ſehnte mich ſeit lange nach einem Moment der Vertraulichkeit mit ihm. Mein Zimmer war ganz nach meinem Sinne hergerichtet, es war eine Stätte meiner Erinnerungen und Reliquien. Auf einem beſonderen Poſtamente ſtand das Bild meines Vaters wie auf einem Altar; es war das Heiligthum, das mir die ſterbende Mutter hinterließ. Zu
beiden Seiten hatte ich Kerzen aufgeſtellt, die in dem ſonſt dunkel!
gelaſſenen Raume ihr Licht auf ſeine ſchmerzlich geliebten Züge warfen. Es ſollte mir ein feſtlicher Augenblick ſein, den Freund zu empfangen und ihm das Bild meines Vaters zu zeigen.
Wie Dubois endlich im Gemache des Magiſters erſchien, ſah er verſtimmt, zerſtreut, gelangweilt aus. Er habe Briefe bekommen, ſagte er, die ihn auf unbeſtimmte Zeit abberiefen, Briefe aus ſeiner Heimath, von Freunden, die ſeiner harrten. Ich zitterte vor der Macht, die dieſe Freunde auf ihn übten; ich ſah ihn in den Händen des zweifelhaften San Germano, in den Netzen der Donna Carlotta, in


