Teil eines Werkes 
2 (1855) [Xaver Dubois]
Entstehung
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bleiben ſie hartnäckig, Wahnſinn. Der Menſch der Zukunft wird nicht mehr die Gliederpuppe eines Mechanismus ſein wollen, deſſen Drähte nur der Stumpfſinn der Gewohnheit lenkt. Es iſt nicht mehr die Tyrannei der Mode, nicht mehr die Sklaverei der Etiquette man beginnt beides abzuwerfen, es iſt der jahrtauſendalte Streit zwiſchen Mein und Dein, zwiſchen Haben und Sollen, der Fluch der Un⸗ gleichheit des Beſitzes, während der Menſch mit gleicher Berechtigung zn Allem geboren wird, was man als die Quelle des tiefen Elends einzuſehen beginnt. Es regt ſich ein Widerwille vor dem gleißneriſchen Maskenſpiel der Geſellſchaft, ein Ekel vor der übertünchten Lüge. Das Naturgefühl wird nicht länger ein Spott der Intrigue ſein; man wird ſich für dieſe beſpöttelte Natur fanatiſiren, man wird ſie zur Gottheit machen und als Märtyrer für ſie ſterben. Ja, Madame, wenn erſt Opfer fallen, dann wird der Witz aufhören und der Ernſt ſein Spiel treiben. Man hat endlich die Entdeckung gemacht, daß der Menſch frei geboren iſt, während Sitte und Gewohnheit ihn zum Sklaven machen. Eine Zeit lang wird man noch ſtaunen, ſich in Feſſeln zu ſehen; man wird ſich aber bald ſchämen, ſie länger zu en.

»Mais, mon Pieu! rief Ninon und fuhr entſetzt in ihren Fauteuil zurück. Ihr Espagnolchen Malice ſaß betrübt vor ihr und wußte nicht, ob es heute Zuckerbrod bekommen würde.Aus welchem Urwald der Kentuckier, ſagte Ninon,aus welcher Steppe der Hotten⸗ totten kommt uns dieſe Weisheit? Sie ſtarrte den Redenden an, wie Jemanden, der plötzlich ſeine Maske lüpft.

Dieſe einfache Weisheit, Madame, kommt ebenfalls aus Frank reich, entgegnete Dubois ſehr ruhig.Hier in Deutſchland finde ich nichts, als den Abſud des ſchon antiquirten Frankreich's, der mit germaniſcher Ehrlichkeit dem Stamm des Lebens eingeimpft iſt. Oh ciel! Amme und Präceptor müſſen auch hier Vater und Mutter erſetzen. Die Frauen haben aufgehört, Mütter zu ſein. Point de mère boint d'enfant! Die Bande der Natur ſind erſchlafft, die Stimme der heiligſten Triebe erſtickt. Nichts ſeh' ich, nichts find' ich als Tyrannen und Sklaven, Tyrannen der Willkür und Sklaven des

Herkommens von der Wiege an, zwiſchen Eltern und Kindern, zwiſchen Mann und Weib, zwiſchen Fürſten und Volk!

D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 13